Robert Rosner 2

Auf der Suche nach den Vergessenen

Während der Novemberpogrome 1938 wurden in Wien fast alle Synagogen zerstört, tausende Juden vertrieben. Mit dem Projekt „Verlorene Nachbarschaft“ begeben sich Bewohner aus der Neudeggergasse im achten Bezirk seit fünfzehn Jahren auf Spurensuche. Text: Mara Simperler

In einer engen Gasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, Kopfsteinpflaster, schmaler Gehsteig, ist die Angst fast greifbar. In der Innenstadt rumpeln Lastwagen die Straßen entlang, Robert Rosner, vierzehn Jahre alt, ehemals wohnhaft in der Josefsgasse, Hausnummer Sieben, Türnummer Sieben, 8. Bezirk, schaut sich das Spektakel an. Zu Hause, das jetzt Untere Augartenstraße, Ecke Förstergasse, 2. Bezirk, ist, läuft am Abend das Radio, rauschend erklärt ein Mann sich geschlagen. Der Vater sagt: „Hier werden wir nicht bleiben können.“ Wenige Monate später, die Blätter sind gefallen, die Unabhängigkeit auch, entlädt sich der Grund der Angst, ein großes Gebäude in der kleinen Gasse im 8. Bezirk fällt dem Hass zum Opfer.

Hans Litsauer ruft gerade einem vorbeifahrenden Radfahrer hinterher: „Hey, hast du einen Starkstromanschluss?“ Der Radfahrer bremst, er ist der Nachbar von Litsauer, wohnhaft Neudeggergasse 1. Die Männer unterhalten sich, sie stehen auf dem selben Kopfsteinpflaster, alles sieht gleich aus und doch ganz anders als in jener Nacht. Nur mehr eine kleine bronzene Plakette auf der schmutziggrauen Hausmauer des Gemeindebaus erinnert daran, dass hier, in der Neudeggergasse Nummer 12, einst eine Synagoge zerstört wurde. Vor fünfzehn Jahren haben Litsauer, Neudeggergasse 1, und Käthe Kratz, Neudeggergasse 14, dafür gesorgt, dass ein zweites Schild angebracht wird. Darauf steht: einst vertriebene, jetzt wiedergefundene Nachbarn.

Dass hier vor den Novemberpogromen des Jahres 1938 eine Synagoge war, ein Tempel, wie man die großen jüdischen Gotteshäuser damals nannte, wussten die beiden lange nicht. Ein Nachbar, der immer auf einer Parkbank saß und die Eingänge der Häuser zeichnete, skizzierte eines Tages auch die zerstörte Synagoge. So erfuhr Litsauer von der Vergangenheit seiner Gasse. Heuer findet zum dritten Mal eine Veranstaltung statt, die an die Vertriebenen, an die verlorenen Nachbarn, erinnern soll. Es wird eine kleine Veranstaltung, nicht so wie vor fünfzehn Jahren, als für das Projekt „Verlorene Nachbarschaft“ der zerstörte Tempel kurz wieder in der Neudeggergasse zu sehen war.

Es ist ein kalter Herbsttag und Hans Litsauer erzählt von der Kraft, die ihn vor fünfzehn Jahren antrieb, ein Stück der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen: „Es war Neugierde, ich wollte wissen, was damals passiert ist. Ich selbst habe keinen jüdischen Hintergrund, genauso wie die meisten anderen Organisatoren. Es war einfach ein Projekt von Nachbarn, die sich auf die Suche nach ihren verlorenen Nachbarn gemacht haben. Wir wollten die Chance haben, diese Geschichten authentisch zu hören.“ Die Idee des ersten Projekts ist es, die Fassade der Synagoge in Form einer Plane für einige Zeit wieder auf der Neudeggergasse 12 sichtbar zu machen. Außerdem sollen Veranstaltungen stattfinden, Leute, die früher hier gewohnt haben, sollen kommen und ihre Geschichte erzählen. Die Filmemacherin Käthe Kratz fährt nach Argentinien, nach Israel und in die Vereinigten Staaten auf der Suche nach ehemaligen Grätzlbewohnern. Für einen anderen verlorenen Nachbarn müssen die Veranstalter nicht so weit fahren: Robert Rosner, der vor den Nazis nach Manchester geflüchtet ist, ist einer der wenigen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind.

Selbstverständlicher Antisemitismus

Rosner ist mittlerweile 89 Jahre alt. Er sitzt auf einem weißen Sofa, trägt eine weiß-grau karierte Fleeceweste. Heute wohnt Rosner am Ende einer kleinen Sackgasse im elften Bezirk, doch aufgewachsen ist er in der Josefsgasse Nummer Sieben, gleich um die Ecke der ehemaligen Synagoge. Nur wenig unterscheidet das Bild der Straßen heute von der Josefstadt, an die Rosner sich erinnert, erzählt der weißhaarige Mann. Die Schule, in die er gegangen ist, steht immer noch, wenige Gebäude sind beschädigt worden. Einzelne Merkmale haben sich verändert. Wo einst der Greißler war, befindet sich heute das Englische Theater. Das Hotel in der Josefstadt in der Josefsgasse war ein Zeitungsverlag, der die Wiener Neuesten Nachrichten herausgibt, eine deutschnationale Zeitung. Schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts prangt auf der Hausmauer in großen Lettern: Antisemitenhof.

„Mir war schon als Kind klar, was das ist. Mit dem Wort „Saujud“ ist man aufgewachsen“, erzählt Rosner. Wenn die Buben in der Schule raufen, schimpfen sie einander: Sozi, Nazi, Hahnenschwanzler. Der Antisemitismus gehört zu seiner Kindheit, als Kind denkt er, das sei normal: „So wie man weiß, dass es im Winter schneit und im Sommer schön ist. Es hat mir nicht gefallen, aber so habe ich als Kind die Welt empfunden.“ Rosners Eltern sind Juden aus der Bukowina, 1914 nach Wien eingewandert, wohlhabend und doch in Wien nicht als gleich gut angesehen wie die Familien, die schon in zweiter oder dritter Generation hier ihre Wurzeln haben. „Meine Mutter war sicher geprägt von dem Wissen über das Pogrom in Kischinew im Jahr 1903. Ich bin in dem Wissen aufgewachsen, dass so etwas passieren kann“, sagt Rosner.

Die ehemalige Synagoge wurde 1940 komplett zerstört, da war Rosner schon außer Landes. Er hat keine besonderen Erinnerungen an das Gotteshaus. „Mein Vater hat mich gezwungen, hinzugehen. Ich bin nicht gerne hingegangen, aber ich habe es getan. Meine Erinnerung beschränkt sich auf das Gefühl, dass ich am Samstag hingehen muss und auf meine Bar Mitzwa, die ich dort gehabt habe. Ich musste X-Sachen auswendig lernen, die ich nicht verstanden habe. Ich dachte nur: das habe ich jetzt hinter mich gebracht“, erzählt der alte Mann.

Genau erinnert er sich hingegen an das Novemberpogrom. Kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an das Nazi-Reich zieht die Familie Rosner aus dem achten in den zweiten Bezirk, Untere Augartenstraße Ecke Förstergasse. Ein Glücksfall, wie Rosner heute sagt: „Da waren wir neu, da hatte niemand besondere Aversionen. Im achten Bezirk war man in der Gegend bekannt als jüdische Familie, der Hausmeister war ein Nazi.“ Als die Novemberpogrome beginnen, hat die Familie Angst, überrascht sind sie nicht: „Das Novemberpogrom war zwar schrecklich, aber in Wien war das eine Fortsetzung dessen, was zwischen März und November passiert ist. In Deutschland konnten die Juden bis dahin noch einigermaßen leben, deshalb wird das Novemberpogrom besonders hervorgehoben, aber in Wien war es schon davor besonders arg.“

Am 10. November 1938 beobachtet Rosner aus dem Fenster der Wohnung, wie ein Kaffeehaus vis-a-vis zerstört wird. Der Vater trifft sich in der Marc Aurel Straße mit einem Freund, als ein Wagen der SS vorfährt und die zwei Juden packt. „Die SS ist eigentlich vorgefahren, weil sie jemanden aus den Häusern holen wollte. Es waren alle zu Hause und deshalb war nicht genug Platz im Auto“, erzählt Rosner. Die SS-Männer lassen die beiden Juden laufen, sie sagen: Verschwindet, es wird euch schon jemand packen. Der Vater läuft nach Hause, der Freund fährt mit der Straßenbahn in den Wienerwald und versteckt sich. Heute schätzt man, dass alleine in Wien mehr als 6.000 Jüdinnen und Juden in der Pogromnacht verhaftet und in die Mehrheit davon ins Konzentrationslager deportiert wurden. Nicht selten waren es die Nachbarn, die einander verrieten. „Mein Vater ist davongekommen, weil sie genügend Menschen zum Verhaften vorgefunden haben. Immer wenn man überlebt hat, war das ein Glücksfall“, sagt Rosner.

Gegen das Vergessen

Geschichten wie diese beweisen die Gräuel des Naziregimes, aber nicht alle Leute wollen sie hören. Lassen wir die Vergangenheit ruhen, sagen manche, was haben wir denn damit zu tun. Als Hans Litsauer 1998 sein Projekt auf die Beine stellt, droht es am Widerstand einiger Nachbarn zu scheitern. Die Idee, die Fassade der ehemaligen Synagoge am Gemeindebau der Neudeggergasse 12 anzubringen, stößt bei den Bewohnern des Hauses auf Ablehnung, sie legen sich quer. Sie hätten diese Fassade als Schuldzuweisung empfunden, sagt Litsauer, doch sie hätten damit argumentiert, dass das transparente Plakat ihnen die Sicht verstelle.

Der Architekt Georg Schönfeld, der auch am Projekt mitarbeitet, hat eine Idee: teilen wir die Synagoge. Eine Hälfte auf die Hausnummer 10, die andere auf Hausnummer 14. „Wir haben dann sofort alle erreicht und noch am selben Abend die Zustimmung von allen gehabt. Das war sensationell“, erzählt Litsauer vom Triumph. Schließlich steht die geteilte Synagoge zeitgerecht, die beiden Hälften durch Bänder verbunden, auf denen die Namen der Vertriebenen zu lesen sind. „Das war so das spannendere Projekt, weil es durch diese Teilung viel Aufmerksamkeit erregt hat. Man hat es sogar vom Kahlenberg gesehen und kurzfristig haben wir das Stadtbild ein bisschen verändert“, sagt Litsauer. Mittlerweile sind wir aus der Neudeggergasse weg, sind durch die Josefsgasse gegangen, wo früher Robert Rosner wohnte, und in die Lange Gasse, wo Litsauers Sohn Alexander ein Restaurant betreibt. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass diese belebten Straßen Zeuge von Teilen eines der schrecklichsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte waren. Dabei ist das eigentlich noch gar nicht so lange her. Viele von uns haben Eltern oder Großeltern, die davon nicht in Schulbüchern gelesen haben, sondern selbst dabei waren.

Genau das sei auch irgendwie das Problem, sagt Alexander Litsauer, der Sohn von Hans, als wir in seinem Lokal, einer gemütlichen Tapasbar, angekommen sind. Er glaubt, dass von den Menschen, die die Erinnerungskultur abwehren wollen, viele mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu kämpfen haben: „Ich glaube es ist niemandem angenehm, einen Großvater zu haben, der bei der Wehrmacht oder der SS war. Der muss gar kein Kriegsverbrecher sein, sondern einfach nur ein Großvater, der aus Stalingrad zurückgekommen ist.“ Erinnerung an die Nazi-Zeit war in Österreich lange Zeit geprägt von der Selbstpositionierung des Landes als Opfer, erst langsam begann man die Täterrolle aufzuarbeiten. „Wir sind noch lange nicht so weit, dass wir an einen Stop der Erinnerung denken könnten“, sagt Alexander Litsauer, „Dadurch, dass man so viel darüber redet, hat man auch das Gefühl, dass viel passiert. Man hat das Gefühl, dass die Nazis alle verfolgt wurden und man diese alten Leute in Ruhe lassen sollen. Dabei wurden gerade in Österreich statistisch die wenigsten NS-Verbrecher verfolgt und verurteilt. Hier ist nie so viel passiert.“

Auch aus diesem Grund gibt es diesen November, am 75. Jahrestag des Pogroms, wieder eine Veranstaltung zur Verlorenen Nachbarschaft. Diesmal dauert sie nicht mehrere Wochen, sondern nur einige Stunden. Man gedenkt nicht mehr nur der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch anderer verfolgter Gruppen: Roma, Sinti, Homosexuelle, politisch Verfolgte. „So lange noch Leute leben, denen es ein Anliegen ist, und die betroffen sind, oder Leute, denen das Thema so unangenehm ist, dass sie es mit lauter Stimme abwehren, ist es ohne Zweifel notwendig, an dieser Erinnerung zu arbeiten“, sagt Alexander Litsauer. Auch ein Schulworkshop ist geplant, in einem Gymnasium am Schuhmeierplatz. Es ist das Gymnasium mit dem höchsten Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in Wien, die Kinder fragen sich: was hat dieses Thema mit mir zu tun? Für Hans und Alexander Litsauer liegt die Antwort in den persönlichen Geschichten, die sie durch die Projekte von Verlorene Nachbarschaft zu hören bekommen haben.

Die Geschichte von Robert Rosner geht relativ gut aus, könnte man sagen. Er schafft es, mit einem Kindertransport im Mai 1939 nach Großbritannien zu flüchten, wo bereits eine ältere Schwester lebt. Auch seinen Eltern und seine anderen Geschwistern gelingt die Flucht. Rosner ist der Einzige, der zurückgekehrt ist. Er studiert Chemie, ist Anfangs überzeugter, später enttäuschter Kommunist, schließlich gar keiner mehr. Er heiratet, bekommt Kinder, besucht oft die in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Familie, reist beruflich durch die Welt. Der wesentliche Teil seines Lebens sei der in der zweiten Republik, sagt er, er denke nicht jeden Tag an die Verfolgung, an den Krieg, wenngleich die Erinnerung irgendwo im Hinterkopf immer noch da sei.

In die Josefstadt wollte er nie zurück. Einmal, in den 1990er Jahren, besucht er gemeinsam mit seiner Schwester die alte Wohnung in der Josefsgasse, läutet einfach an, Hausnummer Sieben, Türnummer Sieben. Die Wohnung, in der einst seine Familie wohnte, beherbergt jetzt eine WG. „Es haben drei Burschen dort gewohnt, wir haben uns unterhalten. Sowohl den damaligen Wohnungsinhabenden als auch meiner Schwester und mir hat es viel Spaß gemacht“, sagt Rosner, das Hörgerät pfeift leise, „Es war ein sehr nettes Gespräch.“

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