Eine Insel in den Bergen

Ein paar kleine Orte im Norden Italiens behüten eine besondere Kultur: Nur hier werden noch uralte Deutsche Dialekte gesprochen. Aber wie lange noch?
Text: Mara Simperler Fotos: Marko Mestrovic

Die Sonne steht schon tief und ihr orangefarbenes Licht lässt die Schatten lang werden. Die Schatten gehören einer gebückt gehenden Frau, einem Esel und einem Pferd, die am höchstgelegenen Hof eines kleinen Dorfes in Norditalien vorbei spazieren. Ein alter Mann steht auf dem Holzbalkon seines Hauses und blickt mit einem Fernglas in Richtung der sich rot färbenden Berggipfel. Sein Hund beginnt nervös zu kläffen und dann sagt dieser alte Mann, in diesem kleinen Dorf in Norditalien im tiefsten Bayrisch: „Kusch.“ Und weil der Hund nicht kuscht, entschuldigt er sich: „Der Hund ist aus Neapel, er kann kein Deutsch!“

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Wieso sprechen aber der alte Mann und die meisten anderen Bewohner des 200-Seelen Dorfes hier einen deutschen Dialekt? Der Ort heißt Palai und liegt zwar geographisch in Italien, doch die Kultur und die Sprache kommen eigentlich aus dem deutschsprachigen Raum. Palai liegt in einem Tal, das die Italiener valle dei mócheni nennen, die Deutschen Fersental und die Bewohner selbst Bersntol. Und nur mehr hier, in drei winzigen Orten, wird Fersentalerisch gesprochen. Fersentalerisch klingt ein bisschen wie Deutsch und ein bisschen wie Italienisch, aber selbst wer beides beherrscht, tut sich noch immer schwer damit, mehr als einzelne Wörter zu verstehen.

Vor über tausend Jahren kamen Einwanderer aus bayrischen Gebieten in die gebirgige Region. Die abgeschotteten Bergdörfer und Täler des Trentino trugen dazu bei, dass sich verschiedene Sprachformen entwickelten. Aber die meisten davon existieren fast nur mehr in Büchern. Nur im Fersental und in einem hoch gelegenen Dorf namens Lusérn kann man sie noch auf den Straßen hören. Diese sogenannten Sprachinseln sind so etwas wie lebendige Museen, bloß werden darin keine antiken Steinbrocken ausgestellt, sondern uralte Sprachformen.

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Auf dem Weg ins Fersental werden die Straßen schmäler, die Kurven enger, die Hänge steiler. Von der Hektik, die sonst oft auf italienischen Straßen herrscht, ist hier nichts zu spüren. An manchen Stellen reißt der Asphalt auf, am Weg mähen die Talbewohner die Wiesen ab und bereiten sich auf den Frühling vor. Das Fersental ist ein hohes Tal, der Scalzerhof, vor dem die alte Frau mit ihrem Esel spazieren gegangen ist, blickt aus 1500 Metern auf die verstreuten Häuser herab. Noch sind die Gipfel und Grate, die das Tal einfassen, weiß, hie und da auch rot vom Saharastaub, den der Südwind aus dem ewigen Sommer hierher bläst. Doch man hört schon die Bäche rauschen, die den zu Wassermassen geschmolzenen Schnee in die Ebene führen.

Etwas weiter unten im Tal steht Leo Toller vor einer Landkarte im Bersntoler Kulturinstitut. Guatkemmen steht auf der gläsernen Eingangstür, zur Begrüßung sagt Toller aber dann doch einfach Hallo. Seit 1991, nur wenige Jahre nach der Gründung des Museums, arbeitet er hier und bringt Besuchern die Kultur des Fersentals näher. Toller zeigt mit dem Finger auf die Karte: „Wir haben drei Gemeinden, in denen noch Bersntolerisch gesprochen wird. Hier in Palai, und auf der anderen Seite des Tals, in Florutz und Gereut. Zusammen sind das nur etwa 1000 Leute.“

In einem Eck steht eine Kraxe, eine Art hölzerner Rucksack mit dem die Männer aus dem Dorf früher im Winter Hinterglasmalerei und Kurzwaren bis nach Österreich getragen haben, um sie als Wanderhändler zu verkaufen. Noch Leo Tollers Vater zog als Krumar, als Wanderhändler, durch Südtirol, um Stoffe zu verkaufen. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten, sie hat sich nur eben verändert, erzählt Toller. Statt Kurzwaren und Stoffen verkaufen die Händler heute Matratzen, statt mit einem schweren Holzgestell auf dem Rücken zu Fuß zu gehen, nehmen sie einen kleinen Lastwagen.

Diesen Spagat zwischen alter Tradition und Moderne findet man überall in den Sprachinseln. Man lebt ein bisschen mit Blick auf die Vergangenheit. Gleichzeitig müssen die Talbewohner sich für die Zukunft wappnen, wenn sie wollen, dass es ihre Sprache dann auch noch gibt. „Wir sind ein sehr kleines Volk. Unsere besondere Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam mit dem Territorium und der Umwelt entstanden. Das geht fast zu schnell verloren, wenn man nicht daran arbeitet“, sagt Leo Toller.

Bei der Volkszählung vor drei Jahren konnten die Italiener wählen, welcher Sprachgemeinschaft sie sich zugehörig fühlen. Im Trentino schrieben 1660 Menschen in das betreffende Formularfeld: Fersentalerisch. Im Fersental selbst leben nur etwa 1000 davon. Wenn eine Familie auswandert, bemüht sie sich um ihre Sprache, aber ab der zweiten Generation geht sie oft verloren. Sprache hat auch etwas mit Örtlichkeit zu tun. „Die Gemeinschaft ist in diesem Gebiet gewachsen und deswegen ganz eingebunden. Jede Wiese, jeder Ort hat einen Namen. Es ist ein eigenes Universum, das es nur hier gibt“, sagt Toller.

Wenn Sara und Barbara Toller in ihren Trachten über die groben Wege schreiten, wirkt Palai wie ein Dorf aus einer anderen Zeit. Die Schwestern sind Mitglieder bei den Palaier Lehrmusikanten, einem Tanzverein, bei dem die traditionellen Lieder und Tänze im Mittelpunkt stehen. „Wir sind hingegangen, weil wir das gemeinsam mit Freunden einmal ausprobieren wollten. Und es hat so viel Spaß gemacht, dass wir immer noch dabei sind“, sagt Sara, die ältere Schwester. Und dann geben die beiden mal schnell eine improvisierte Kostprobe ihrer Tanzkünste – im Sonnenuntergang, vor dem Haus des Vereinsleiters.

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Mit roten Wangen vom Tanzen in der Kälte sitzen sie wenig später im Wohnzimmer des Elternhauses. Barbara serviert selbst gemachten Holundersaft, der weiße Familienhund Lilli kompensiert seine Größe mit aufgeregtem Bellen, wenn eines der Mädchen an ihm vorbeigeht.
„Es ist ein bisschen eine andere Welt hier“, sagt Sara und lacht. Sie erzählt von den Wochenenden, die sie hier in Palai verbringt: „Am Samstag haben wir Dirndln angezogen und sind nach Vlarotz tanzen gegangen. Das kann man hier machen aber wenn man das in Pergine oder Trento macht, schauen die Leute komisch. Da die Jungen nur in die Disco um zu trinken.“ Sara und Barbara sind anders als viele ihrer Altersgenossen, aber so anders dann doch wieder nicht. Statt Tracht tragen sie im Alltag Jeans, im Radio hören sie Lieder von Pitbull. Das wichtige ist aber: wenn sie das wollen, können sie hier im Fersental ihre Kultur leben.

Dazu gehören auch Traditionen wie die Coscrizione. In dem Jahr, in dem sie volljährig werden, organisieren die Jungen hier im Tal von Neujahr bis Fasching Feste und tragen am Wochenende eine eigene Tracht. Dieses Jahr ist die Coscrizione von Barbara, und sie springt auf, um ihren geschmückten Hut und ein Tuch zu holen, das sie zu den Anlässen trägt. „Mit der Coscrizione wird man in die Gesellschaft eingeführt. Die Jungen sollen hier in Palai zeigen, was sie können“, erklärt Sara, die das alles schon hinter sich hat.

Die Schwestern sind stolz auf ihre Kultur, sie sind sich ihrer besonderen Rolle als Sprachinselbewohnerinnen bewusst. Sara studiert unter der Woche in Bruneck in Südtirol an der Universität, sie kommt nur am Wochenende nach Hause. Die 17-jährige Barbara pendelt täglich etwa eine Stunde mit dem Bus nach Trento. „Wenn wir in der Stadt sagen, wir sind Fersentalerinnen, fragen die Menschen: Was ist das? Die wissen nicht, dass es eine Minderheit im Trentino gibt, die hier lebt“, sagt Sara. Wenn man sie fragt, ob sie später einmal hier wohnen wollen, sagen die Schwestern: „Das kann eine Möglichkeit sein.“ Die Chancen, hier Arbeit zu finden, stehen schlecht.

Das ist das Problem aller Sprachinseln in Norditalien: Abwanderung. Wenn man durch das Tal wandert, sieht man viele alte Menschen vor den Häusern sitzen, aber kaum junge. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist älter als 65 Jahre. In Palai heißt die Wiese neben der Kirche Naistóll. Die Bäume, die darauf stehen, heißen Larch und Ial. Wenn die Menschen gehen, geht auch die Sprache. Die Wiese und die Bäume bleiben. Aber nur, so lange jemand hier ist, der diese Dinge benennen kann, bleibt die Sprache auch lebendig.

Leo Toller beklagt, dass es in Palai kaum noch einen Treffpunkt gibt an dem sich die Dorfgemeinschaft regelmäßig versammelt. Früher ging man Sonntags in die Kirche, danach in ein Gasthaus. „Wir haben nur einen Pfarrer für das ganze Tal, der kann natürlich nicht am Sonntag in jedem Dorf eine Messe halten“, sagt Toller. Außerdem spricht der Pfarrer nur Italienisch, mehr als ein paar Wörter Fersentalerisch als kleine Anerkennung hie und da hört man aus seinem Mund nicht. Deshalb liegt es an den Jungen, wie Sara und Barbara, die Sprache weiter zu tragen, meint Toller: „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, der jungen Generation unsere Verbundenheit mit den Wurzeln, mit dem Territorium und unsere Erfahrungen, unsere Geschichte mitzugeben. Klar ändern sich die Zeiten, aber es ist unsere Aufgabe, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das kann man nicht dem Zufall überlassen.“

Etwa 20 Kilometer Luftlinie entfernt macht sich ein anderer Mann genau die gleichen Gedanken. Luigi Nicolussi Castellan kann seine Vorfahren über 300 Jahre zurückverfolgen. Er war lange Zeit Bürgermeister, nun Vorstand des Chores, Vorsitzender eines Betriebes zur Förderung von Frauen, Mitglied des Einheitskomitees der deutschsprachigen Sprachinseln und Betreiber des Dokumentationszentrums von Lusérn. Lusérn ist so etwas wie die Schwester des Fersentals, auch eine Sprachinsel, aber hier wird Zimbrisch gesprochen.

Es ist Fastenzeit, in der Bar sitzen an diesem Sonntag schon um zehn Uhr Vormittags Männer mit roten Gesichtern, vor sich halbvolle Gläser mit Wein. „Wir sind gläubig, aber nicht fanatisch“, kommentiert Luigi Nicolussi Castellan. In Lusérn sind die Gasthäuser gut frequentiert, die Kirche eher spärlich gefüllt. Damit eine Sprache lebendig bleibt, muss es Orte geben, an denen man sich in ihr unterhalten kann. „Die Gastwirtschaft hat mit dem Fernsehen und dem Computer an Wert verloren“, sagt Nicolussi Castellan, „Und leider ist das Fernsehen fast ausschließlich auf Italienisch.“

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Schon in jungen Jahren setzt er sich für den Erhalt der zimbrischen Sprache ein. Mit Freunden gründet er einen Kulturverein, sie benennen ihn nach dem großen indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi.
„Mahatma Gandi!“, ruft er aus, „Lusérn!“ Und dann lacht er, weil diese Verbindung zwischen einem kleinen Dorf in Italien und dem großen Indien so aus der Luft gegriffen scheint. Den jungen Leuten ist es aber ernst, sie wollen sich weltwärts gerichtet und vor allem friedlich zeigen, wie ihr Vorbild. Denn in diesen Jahren herrschen nicht weit von Lusérn entfernt in Südtirol starke Spannungen, auch hier geht es um die Sprache, doch nicht immer wird friedlich gekämpft. Deshalb werden die jungen Leute noch am selben Tag, als sie den Kulturverein gründen, von den Carabinieri im nahegelegenen Lavraone aufs Revier bestellt. Doch obwohl die Polizisten den Lusérnern ihr Engagement ausreden wollen, bleiben diese standhaft, sie sagen: „Wir gehen nicht gegen das Gesetz, wir sind friedlich und setzen uns für den Verfassungsschutz der Sprachminderheiten ein.“

Die Bemühungen von Nicolussi Castellan und seinen Mitstreitern sollen erst viel später Früchte tragen. Erst seit 2001 sind Zimbrisch und Fersentalerisch offiziell als Minderheitensprachen in Italien anerkannt. Dass es so gekommen ist, ist vor allem dem Engagement der Dorfbewohner zu verdanken. In Italien gibt es außer den Zimbern in Lusérn und den Fersentalern noch einige andere Sprachinseln, und nicht alle davon sind ausdrücklich per Verfassungsgesetz geschützt.

Beim Spaziergang durch den Ort wirft Nicolussi Castellan mit Zahlen um sich.
1053 – Dokumente belegen die die Einwanderung von bayrischen Familien in den Norden von Verona.
1260 – der Prinz-Bischof von Trient, Friedrich von Wangen, erteilt die Genehmigung zur Besiedelung der Lusérner Hochebene.
1939 – die Mitglieder der deutschsprachigen Minderheiten werden von den Faschisten durch die so genannten Optionen gezwungen, ihre Sprache und Kultur abzulegen oder auszuwandern.
Nicolussi Castellan erzählt von historischen Gegebenheiten, als wäre er selbst dabei gewesen. Zwischendurch holt ihn das Smartphone in die Gegenwart zurück. Er schießt Fotos von den Bergen, den Häusern, den Menschen. Alles scheint kostbar zu sein, wird festgehalten. Und wenn man bedenkt, dass Lusérn nur etwa 300 Einwohner zählt, versteht man, warum dieser vielbeschäftigte Mann fast drängend wirkt, wenn er über die zimbrische Kultur erzählt. Es geht hier ums Überleben.

Nicolussi Castellan hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein der jungen Leute für die eigene Sprache zu stärken. Vor der Bar Ferdy kniet ein Junge auf der Straße neben seinem roten Fahrrad. Er trägt Gummihandschuhe und putzt gewissenhaft die Speichen des Rades. Luigi Nicolussi Castellan tritt zu ihm und spricht ihn mit Matthias an, fragt, wie es seinen Eltern geht. Der ehemalige Bürgermeister redet auf Zimbrisch, der Junge antwortet ebenfalls in der lokalen Sprache.

„Ich spreche Zimbrisch, die Kinder antworten Italienisch, das geht so mehrere Jahre“, erzählt Nicolussi Castellan von seinen Bemühungen, „Dann beginnen sie, mit einfachen Wörter zu antworten. Und irgendwann sprechen sie dann Zimbrisch.“ Auch in Lusérn werden die Mitglieder der kleinen Sprachgemeinschaft vor viele Probleme gestellt, aber auf jedes hat Nicolussi Castellan, so scheint es, eine Antwort. Viele Menschen müssen zum Arbeiten nach Trento pendeln. Der Gemeinderat zahlt deshalb Pendlern Geld für jeden gefahrenen Kilometer. Wer einen Arbeitsplatz schafft, bekommt ebenfalls Förderungen. Andere wandern aus. Nicolussi Castellan hat deshalb eine Webcam aufstellen lassen, jetzt können die Leute in der Ferne schauen, wie das Wetter in Lusérn ist, wer auf dem Markt einkauft und wer in die Kirche geht. Sogar auf den Friedhof ist eine Kamera gerichtet.

Die Sprache ist auch eine große Chance für Lusérn. Andere italienische Dörfer sterben aus, weil es nicht genug wirtschaftliche Entwicklung gibt, doch in Lusérn hält noch eine andere Komponente die Gemeinschaft zusammen. Auch während Italien in der Hand der Faschisten war, hielten die Menschen hier zusammen. „Die Lehrer bestraften die Kinder, wenn sie unter sich Zimbrisch sprachen, aber es nutzte nichts. In den Familien wurde die Sprache weiter gesprochen“, erzählt der engagierte Lusérner.

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Luigi Nicolussi Castellan ist vielleicht auch deshalb so gut im Lösen von Problemen, weil er viele aus eigener Erfahrung kennt. Gegenüber des Gasthauses ist ein Fresko an die Mauer eines Gebäudes gemalt. „Bobral bo do geast gedenkh ber do pist“ steht da geschrieben, unter dem Abbild eines alten Maurers und eines Pferdegespanns. „Überall wo du hingehst, gedenke, wer du bist“, heißt die zimbrische Inschrift übersetzt. Nicolussi Castellan hat es nicht vergessen, in all den Jahren, in denen er in München gewohnt hat, als Sozialrechtsberater gearbeitet hat, weil er das in Lusérn nicht konnte. Doch er ist zurückgekehrt.

Nicolussi Castellan zählt Kinder, oder besser gesagt, er rechnet, wie viele neue Lusérner auf die Welt kommen. Mitunter hört sich das regelrecht komisch an, doch dem Vielbeschäftigten ist es ernst: „Die Beschäftigten des Frauenbetriebs haben schon fünf Kinder geboren. Das heißt dieser Betrieb bringt uns fünf Kinder in zwei Jahren, das ist nicht schlecht.“ Durch diesen Betrieb seien 15 Leute wieder nach Lusérn zurückgekehrt, erzählt Nicolussi Castellan stolz, er drückt das so aus: „Sie sind an Lusérn gewonnen worden.“

Manchmal scheint der Kampf von Nicolussi Castellan ein Widerstand gegen alle Wahrscheinlichkeiten zu sein. Ein Kampf gegen die Abwanderung, den wirtschaftlichen Verfall, gegen den zu starken Einfluss der Mehrheitsbevölkerung. Man könnte auch sagen, vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Bevölkerungsstrukturen ändern sich, eine Sprache muss sich als Kommunikationsmittel behaupten können, muss Alltag bleiben. Wenn sie das nicht schafft, soll sie vielleicht nicht weiterbestehen. Doch für Nicolussi Castellan und die Lusérner wäre das das Ende: „Das zusammenhaltende Merkmal unserer Gemeinschaft ist die Sprache. Mit der Sprache sind die Gedanken da, das Gefühl. Das ist die Sprache des Herzens. Wenn wir die Sprache verlieren, sind wir nicht mehr wir. Dann sind wir einfach Italiener, dann sind wir Fremde geworden.“

Manchmal aber passiert etwas Unverhofftes. Und sogenannte Fremde werden zu Mitgliedern der Gemeinschaft.

Lorenza Groff betreibt gemeinsam mit ihren Eltern die Raststätte Redebus auf einer Anhöhe, die das Fersental vom nächsten Ort trennt. Die Familie kommt aus dem italienischsprachigen Piné und obwohl sie seit den frühen 80er Jahren quasi im Fersental wohnen, konnte keiner von ihnen die lokale Sprache. „Während meiner Doktorarbeit habe ich im Kulturinstitut in Palai recherchiert und einen Kurs für Fersentalerisch gefunden“, erzählt Groff bei einem Espresso, „Eigentlich hätte ich ja genug anderes zu tun gehabt, aber ich habe beschlossen, das zu versuchen.“ Mittlerweile schreibt sie zwei Mal im Monat eine Seite auf Fersentalerisch für die Lokalzeitung l´Adige.

Sie schreibt über die Themen, die die Menschen hier bewegen. „Was hier zählt sind die Jungen und die Arbeit. Viele sind weggegangen. Das sind die Probleme der Bergdörfer, die gibt es überall“, sagt sie. Vor dem Fenster hüpft Lorenzas Tochter Maria Teresa mit eine Packung Chips auf und ab und schneidet Grimassen zu ihrer Mutter. Die 37-jährige zieht ihre Tochter so gut sie kann dreisprachig auf: Italienisch, Fersentalerisch und Deutsch. Als das Kind in die Gaststube läuft und die Servietten durcheinanderbringt, die Lorenzas Mutter gerade eben sorgfältig gefaltet hat, schimpft Lorenza auf Fersentalerisch, die Kleine antwortet auf Italienisch.

Lorenza Groff sagt, erst, seit sie die Sprache gelernt habe, fühle sie sich so richtig zugehörig: „ Die Sprache ist ein Mittel um die Kultur und die Leute zu kennen. Ohne Sprache geht das nicht.“ Was ist sie nun? Fersentalerin? Italienerin? Beides? „Ich bin an der Grenze. Vielleicht verschieben sich die Proportionen auch. Manchmal bin ich ein Viertel Fersentalerin, manchmal drei Viertel. Aber mit der Sprache habe ich das Tal besser verstehen gelernt.“

Wenn Lorenza Groff über das Fersental spricht, wirkt es manchmal wie eine Ode an diesen Ort: „Das Tal ist wunderbar. Es geht nicht nur um die Leute. Es geht um die Wiesen, die Häuser, die Landwirtschaft, das Leben. Es ist das Tal in seiner Gesamtheit. Ich finde diese Atmosphäre nirgendwo anders.“

Und es ist gerade sie, die Vertrauen in die Kraft dieser Kultur, dieser Sprache hat: „Man soll keine Angst haben vor der Auswanderung. Man muss wandern um die eigene Identität zu kennen. Ich bin auch viel gewandert, das ist kein Problem. Denn ich bin zurückgekommen, weil ich diese Gegend liebe.“

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