Foto: Mara Simperler

Freiheit in Flammen

Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass Tibet aufgehört hat, als unabhängiges Land zu existieren. Die Geschichten von Flucht, Leid und Widerstand prägen auch die tibetische Identität im Exil.
Text und Foto: Mara Simperler


Im Sommer bilden sich kleine Blasen auf Lhakpa Tserings Bein. Im Winter fängt die Haut an zu spannen. Sie ist trocken, reisst auf, Lhakpa muss Öl auf das Bein schmieren, um die Schmerzen zu ertragen. Wenn er mit der Hand das Öl verteilt, spürt er die Unebenheiten, die Stränge des Narbengeflechts, das seine Beine überzieht. 57 Prozent, haben sie damals im Krankenhaus gesagt, 57 Prozent der Haut auf den Beinen ist verbrannt, bevor sie ihn gelöscht haben. Das war im Jahr 2006.

Sechs Jahre später, am 28. März 2012, wird in McLeod Ganj, im nördlichen indischen Bundesstaat Himachal Pradesh, Jamphel Yeshis Körper zum zweiten Mal den Flammen übergeben. Zwei Tage zuvor hat der junge Tibeter sich in Delhi mit Benzin übergossen, angezündet und ist losgelaufen, bis 98 Prozent seiner Haut verbrannt waren. „Wenn ihr Geld habt, ist es an der Zeit, es auszugeben. Wenn ihr gebildet seit, ist es an der Zeit, Ergebnisse zu schaffen. Wenn ihr Kontrolle über euer Leben habt, glaube ich, ist der Tag gekommen, es zu opfern“, hat er in seinem letzten Willen geschrieben. Die Bilder, auf denen man Jamphel Yeshi sieht, schreiend, brennend, sterbend, hängen überall in McLeod Ganj.

Der Dalai Lama, das Oberhaupt der tibetischen Gemeinschaft, ist nicht zum Begräbnis von Jamphel Yeshi gekommen. Er sagt wenig über die Selbstverbrennungen, über die mittlerweile beinahe täglich neue Berichte ins indische Exil kommen. Zu angespannt ist die Situation, die chinesische Regierung beschuldigt den Dalai Lama und die in McLeod Ganj sitzende tibetische Exilregierung, hinter den Selbstverbrennungen zu stecken. Die Tibeter nennen Yeshi einen Märtyrer, weil er sein Leben gegeben hat, um kurz vor dem Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao nach Delhi zu sagen, was sie alle denken: „Tibet gehört nicht zu China.“

Seit die chinesischen Truppen 1951 in Tibet einmarschiert sind, seit der Dalai Lama 1959 geflüchtet ist, seit viele Tibeter das Gefühl haben, ihre Heimat verloren zu haben, gibt es immer wieder Proteste, um auf das Schicksal des höchsten Landes der Welt aufmerksam zu machen. Doch selten zuvor waren die Methoden so drastisch, die Verzweiflung der Tibeter so deutlich sichtbar.

Mehr als 30 Selbstverbrennungen hat es laut der Organisation „Free Tibet“ in den letzten zwölf Monaten gegeben. „Jeder Tag an dem wir nicht von einer Selbstverbrennung hören, ist ein guter Tag“, sagen die Leute in McLeod Ganj. Nachrichten von Tibetern, die sich mit Benzin übergießen um als menschliche Fackel gegen die Politik Chinas zu demonstrieren, werden mittlerweile jede Woche nach Indien übermittelt. Die Bilder werden auf Facebook geteilt, auf Handydisplays herumgereicht, als Poster auf den Straßen plakatiert. Man sieht rauchende, brennende Körper, Gliedmaßen, die sich im Moment des Todes in unmögliche Richtungen verdrehen. Diese Bilder sprechen eine andere Sprache als das vielleicht berühmteste Zeugnis einer Selbstverbrennung, als sich der Mönch Thich Quang Duc 1963 an einer belebten Straßenkreuzung in Saigon anzündete und scheinbar ruhig in der Lotusposition sitzend starb. Sie sprechen eine Sprache, die den Tibetern allzu vertraut geworden ist, eine Sprache der Verzweiflung, eine Sprache die verstört.

Sich mit Benzin zu übergießen, ein Streichholz anzuzünden und dann sich selbst, das scheint so grausam wie undenkbar. Das ist kein Selbstmord, der schnell geht und es ist kein Selbstmord, der schmerzlos ist. Er richtet sich nicht gegen andere, wie ein Sprengstoffattentat, er richtet sich gegen sich selbst, um eine Botschaft an andere zu schicken. Umso absurder scheint es, wenn Lhakpa Tsering vollkommen nüchtern davon erzählt, wie er sich 2006 angezündet hat. Die Geschichte von Lhakpa Tsering ist der Geschichte von Jamphel Yeshi sehr ähnlich. Wenn man es genau nimmt, unterscheiden sich die Geschichten nur in zwei Wörtern. Jamphel Yeshi verbrannte sich aus Protest. Lhakpa Tsering versuchte sich aus Protest zu verbrennen.

Lhakpa

Es ist 2006, Lhakpa Tsering ist Student in Bangalore. Mit neun Jahren ist er aus Tibet geflüchtet, nun ist er 29. Er ist Präsident des Tibetan Youth Congress in Bangalore, einer Organisation, die den jungen Tibetern eine Stimme gibt, jenen, die ein unabhängiges Tibet nur mehr aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kennen. Lhakpa Tsering hat gehört, dass Hu Jintao im Rahmen eines Indien-Besuchs nach Bangalore kommen soll, wo Lhakpa Politikwissenschaften und Staatsverwaltung studiert. „Hu Jintao nicht irgendein Präsident“, sagt Lhakpa, „seine Geschichte mit Tibet reicht lang zurück. Er war für die Autonome Region Tibet verantwortlich, als es 1989 zu Massakern kam. Er hat in Tibet das Kriegsrecht verhängt. Deshalb müssen wir ihm unsere Wut zeigen und der Welt zeigen, wer er ist.“ Die tibetische Diaspora in Indien ist gut vernetzt, Lkahpa kontaktiert die regionalen Verbände des Tibetan Youth Congress in Südindien, sie schmieden Pläne, malen Transparente, bereiten Demonstrationen vor. Kurz vor dem angekündigten Besuch ist klar: Hu Jintao wird nicht nach Bangalore kommen.

Lhakpa ist verzweifelt, er hat viel Zeit und Geld in die Planung der Proteste investiert. Deshalb beschließt er, nach Mumbai zu fahren, um dort zu protestieren, doch er erzählt niemandem davon, verteilt nur die Aufgaben, die er normalerweise erledigt, an andere Mitglieder des Kongresses. Als er in Mumbai ankommt, erfährt er, dass die indischen Sicherheitskräfte die Proteste zwar erlauben, aber in viel kleinerem Ausmaß, als es sich die Tibeter erhofft haben. Die tibetischen Jackenverkäufer, die in Mumbai im Winter ihre Ware verkaufen, um vom Gewinn im Sommer in ihren im ganzen Land verstreuten Siedlungen zu leben, sagen, sie wollen nicht mitmachen, wenn die Proteste nicht genehmigt sind. Sie haben Angst, dass sie ihre Lizenzen verlieren. Am Ende steht Lhakpa bloß mit 36 anderen da.

„36 Leute können gar nichts ausrichten“, sagt er, „deshalb habe ich mir überlegt, wir müssen etwas Großes tun, um die Medien auf uns aufmerksam zu machen.“ Lhakpa zermartert sich den Kopf, irgendwann ist der Kopf leer. „Nur Selbstverbrennung blieb übrig, nichts anderes.“ Es scheint absurd, eine solche Gewalttat gegen den eigenen Körper völlig rational zu planen. Doch was Lhakpa beschäftigt, nachdem er den Entschluss gefasst hat, ist vor allem die praktische Durchführbarkeit seines Plans. „Ich habe mir Slogans überlegt, die ich vor den Medien sagen wollte, wenn sie zu mir kommen. Ich habe viele Worte geplant. Darum wollte ich nicht meinen ganzen Körper mit Öl übergießen. Wenn ich meinen ganzen Körper übergieße, kann ich nicht sehr gut sprechen. Ich dachte mir, wenn ich nur den unteren Teil anzünde, kann mein Mund noch gut Worte formen. Das habe ich geplant und ich habe zwei Liter Kerosin gekauft und alles in meine Tasche gepackt und niemandem davon erzählt.“

Lhakpa hat keine Familie mehr, von der er sich verabschieden muss. Nur seinem Sponsor, einem Amerikaner der in Hongkong lebt, schreibt er ein Mail. Danke für deine Unterstützung, schreibt Lhakpa, morgen gehe ich zu den Protesten, falls mir irgendetwas zustößt, hoffe ich, du bereust deine Ausgaben für mich nicht.

Am nächsten Morgen ruft er ein paar Journalisten an, verkündet eine dramatische Aktion vor dem Taj Hotel in Mumbai und fährt zum Gateway of India, dem Wahrzeichen Mumbais, wenige Meter vom Hotel entfernt. Die anderen Demonstranten laufen zum Hotel, rufen ihre Parolen, versuchen, den Polizisten zu entwischen. Lhakpa steht vor dem Gateway of India, versucht sich zu beruhigen. Er weiß, wenn er erst einmal brennt, werden die Schmerzen kommen und die Worte in seinem Kopf werden durcheinander kommen. Deshalb muss er jetzt ruhig sein. Dann schüttet er die zwei Liter Kerosin über seine Beine und zündet sie an.

Was geht einem durch den Kopf in dem Moment, in dem man aus eigener Entscheidung in Flammen steht?

„Ich habe mich selbst daran erinnert, was ich tun muss. Ich bin sehr ruhig Richtung Hotel gegangen. Doch am Ende, als ich die chinesischen Männer in ihren schwarzen Anzügen sah, spürte ich die Verzweiflung. Ich versuchte, zu ihnen zu laufen. In meinem Kopf waren keine Worte mehr, nur Free Tibet, das habe ich gerufen. Ich wollte direkt ins Taj Hotel laufen, doch plötzlich hat mich ein Ausländer fest gestoßen und ich bin niedergefallen. Er wollte mich retten, ich wollte wieder aufstehen, doch es war nicht möglich, wegen der Verbrennungen. Dann hat mich die indische Polizei gelöscht.“

    Bist du froh, dass man dich gelöscht hat, Lhakpa? Bist du froh, dass du nicht für Tibet gestorben bist?

„Ich dachte, zu 70% sterbe ich und zu 30% überlebe ich. Ich habe das Gefühl, ich war erfolgreich. Ich fühle mich nicht schuldig, weil ich lebe. Ich kann noch viele Male für Tibet sterben.“

    Woher nimmst du die Kraft, weiterzumachen?

„Ich war in meiner Kindheit mit vielen Problemen konfrontiert. Was auch immer mir jetzt zustößt, das sind keine wahren Probleme.“

Wenn Lhakpa Tsering von seiner Kindheit erzählt, kommen die Chinesen besser weg als die Tibeter, deshalb mag es ironisch erscheinen, dass gerade er sich als Erwachsener für Tibet opfern wollte. Lhakpa ist nicht vor den chinesischen Truppen geflohen, sondern vor einem gewalttätigen Stiefvater. Als er neun Jahre alt war, ist er alleine über die Grenze nach Indien marschiert. „China hat uns erzählt, Indien sei unser Feind. Ich dachte, wenn ich zu unserem Feind gehe, wird mir niemand folgen.“ Er stammt aus Tsona, einem Gebiet nahe der Grenze zum Bundesstaat Arunachal Pradesh. China sagt es habe Tibet befreit und in Lhakpas Heimatdorf fühlten sich die Leute wirklich doppelt befreit. Bevor die chinesischen Truppen kamen, fuhren die Grundbesitzer ein strenges Regime, hoben hohe Steuern ein, die Menschen fühlten sich schlecht behandelt. Später kamen die  Kämpfer aus Kham, die vor den chinesischen Soldaten geflohen waren und rissen das Dorf an sich, die Dorfleute flohen in die Berge. „1959 kam die chinesische Armee zu uns, vertrieb die Khampa und half den Bewohnern von Lampuk Häuser zu bauen, sie zu renovieren und die Felder zu bewirten. Deswegen liebten die Menschen in meinem Heimatdorf China und sie wussten nicht, was Tibet ist. Auch ich wusste nichts über Tibet, ich habe geglaubt, es sei ein Teil von China“, erzählt Lhakpa.

Die Antwort auf die Frage, ob Tibet ein Teil Chinas ist, beantwortet auch die Frage, ob Tibet befreit wurde von einem theokratischen feudalen System, wie die offizielle chinesische Version lautet, oder ob Tibet untergegangen ist, besetzt, geschluckt wurde. Nachdem Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China in Peking ausgerufen hatte, dauerte es nur ein halbes Jahr bis chinesische Truppen sich daran machten, die „Heimkehr Tibets ins chinesische Mutterland“ zu forcieren. Im Mai 1951 unterzeichnete eine tibetische Delegation das so genannte 17-Punkte Abkommen, das für China bis heute als Legitimation für den Anspruch auf Tibet gilt. Der Dalai Lama gab im Oktober 1951 zwar telegrafisch seine Zustimmung zu dem Abkommen, sagte später jedoch, er habe nur zugestimmt, um Tibet vor der völligen Zerstörung zu bewahren und erklärte das Abkommen für nichtig, weil es unter Druck zustande gekommen sei.

China sagte, es sei gekommen um Tibet zu modernisieren. Die Straßen, die die Regierung in Peking bauen ließ, brachten vor allem chinesische Soldaten ins tibetische Hochland. Gerüchte, wonach der Dalai Lama nach Peking entführt werden sollte, verbreiteten sich und der heiligste Mönch der Tibeter floh am 17. März 1959 nach Indien. 1965 proklamierte China die „Autonome Region Tibet“, die das ehemalige tibetische Territorium halbierte und große Teile der Bevölkerung unter die Administration chinesischer Provinzen stellte. Die chinesische Kulturrevolution war verheerend für die tibetische Kultur. Rund 1,2 Millionen Tibeter starben durch Exekutionen, Hungersnöte, Kämpfe oder in Lagern.

Religion sei das Opium des Volkes sagte einst Karl Marx. China hat bereits zwei Opiumkriege hinter sich, den Umgang des Landes mit der Religion könnte man sinngemäß als den dritten bezeichnen. Es ist verboten, ein Bild des Dalai Lama zu besitzen, die Menschen verstecken es unter ihren Kappen, in geheimen Schreinen. Tausende Mönche und Nonnen wurden in Arbeitslager gesteckt, fast alle Klöster und Tempel des Landes, mehrere Tausend, zerstört. Später ließ China einige wieder aufbauen und regimetreue Mönche und Nonnen bekommen heute ein paar Tausend Yen, wenn sie jenen Patriotismus leben, den Peking gerne sieht. Denn die Klöster sind es oft, in denen die Proteste ihren Anfang nehmen.

„Tibet ist kein Land mehr, es ist ein Gefängnis“, sagt Tsering Samdrup. Tsering war früher Mönch, doch kein Kloster wollte ihn mehr aufnehmen, nachdem er sechs Jahre als politischer Häftling im Drapchi Gefängnis inhaftiert war. Er verlor das Recht, ins Kloster zurückzukehren, verlor irgendwann den Mut, in Indien in ein Kloster zu gehen, verlor ein Stück seiner Identität. Indirekt hat China es geschafft, dass Tsering Samdrup die Religion aufgegeben hat.

Tsering

Als er 19 ist, im Jahr 1994, demonstriert Tsering mit vier Freunden vor dem Jokhang Tempel in Lhasa. Sie schwenken Fahnen, rufen „Free Tibet“, „China muss gehen“ und „Lang lebe seine Heiligkeit, der Dalai Lama“. Binnen fünf Minuten ist die Polizei da, sind Soldaten da, mit Uniform, ohne Uniform. Sie beginnen auf die fünf Mönche einzuschlagen. Die Soldaten schlagen Tsering und seine Freunde vor dem Jokhang Tempel, sie schlagen sie auf der Polizeistation, eine Stunde lang. Sie schlagen sie in dem Kühlwagen, in dessen Lagerraum sie ins Gutsa Internierungslager gebracht werden, mit Werkzeugen auf Knöchel und Handgelenke. Sie schlagen sie im Internierungslager mit elektrischen Schlagstöcken. Sie schlagen ihn, als drei Tage später zum ersten Mal verhört wird.

Wer hat die Tibetische Flagge gemalt, wollen sie wissen. Die Mönche, die sie festgenommen haben, sind jung, zwischen 18 und 20 Jahre alt, die Wächter im Internierungslager glauben, dass jemand anders hinter den Protesten steckt. „Ich habe die Flagge gemalt“, sagt Tsering. Sie befehlen ihm, die Flagge noch einmal zu malen, doch davor muss Tsering seine Hand unter einen eisernen Stuhl legen und jemand setzt sich darauf. Seine Hand ist so geschwollen, dass er den Stift nicht halten kann. Sie schlagen ihn wieder.

    Was hast du von Gutsa gewusst, Tsering, bevor du selbst dort geschlagen wurdest?

„In Tibet gibt es niemanden, der nicht von Gutsa gehört hat.“

Von Mai bis September muss er in Gutsa bleiben, die Zeit ist eine Aneinanderreihung von Befragungen, Demütigungen und Schlägen. „Während meiner Zeit in Gutsa haben mir Ärzte drei Mal Blut abgenommen. Ich habe sie gefragt, wieso sie das machen und sie haben mir gesagt, das ist, weil ich so lange hier war und es ist im Tausch für das Essen, das ich hier bekommen habe“, sagt Tsering. Zum Frühstück gibt es schwarzen Tee und ein Stück Momo, am Abend bekommen die Häftlinge Reis und Gemüse. Es gibt kein Mittagessen.

Tsering erzählt vom Großvater, der Großvater hat ihm von Tibet erzählt, denn der Großvater war Soldat. Er kannte so viele Geschichten darüber, wie die chinesische Armee kam. Auch im Kloster erzählten die alten Mönche, wie Tibet verloren ging: „Sie litten unter der chinesischen Besatzung oder kamen ohne Grund ins Gefängnis oder kämpften in irgendeinem Krieg um sie aufzuhalten.“ Jetzt ist es Tsering, der seine Geschichte jenen erzählt, die in Indien geboren wurden.

Als er im September 1994 endlich vor ein Gericht kommt, wird er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Er darf keinen Anwalt bestellen. Er wird nach Drapchi überstellt, das größte Gefängnis in Tibet. Tsering kommt in die fünfte Gruppe, dort kommen die politisch Inhaftierten hin. Anfangs arbeiten die Gefangenen in einem Gewächshaus, später wird diese Arbeit ersetzt durch militärischen Drill. „Sie nannten es Bewegung, aber es war Folter“, sagt Tsering. Jedes Jahr gibt es einen Wettbewerb unter den Gefängnissen. Wer kann am besten in Reih und Glied marschieren? Wer hält am längsten durch? Wenn sie nicht gewinnen, werden sie bestraft, also müssen sie gewinnen. Einmal im Monat, für fünf Minuten, dürfen die Familien auf Besuch kommen. Fünf Minuten, in denen man kurz vergessen kann, wo man ist.

Es gibt Tests im Gefängnis. Tests, die prüfen sollen, ob sich die Gesinnung der Gefangenen so entwickelt, wie man sich das wünscht. „Ist dein Geist befreit?“, steht da, „Arbeitest du für die Befreiung?“ Die Gefangenen wissen, was sie ankreuzen sollen, nicht alle folgen. „Es gab einen Mönch, er war 21 Jahre alt. Er hat die falschen Antworten angekreuzt, er hat nicht getan, was die Wächter von ihm erwarteten. Deswegen wurde er mit einem Stock auf den Kopf geschlagen. 21 Mal, weil er 21 Jahre alt war. Später, als die Sterne schon am Himmel standen, starb er und die Gefangenen hörten, dass Blut in sein Gehirn gekommen war und das war der Grund, weshalb er starb.“

    Wie hast du einen klaren Kopf behalten, Tsering, in all den Jahren?

„Alle politischen Gefangenen wissen von Anfang an, schon bevor sie einen Protest beginnen, dass sie leiden müssen, falls sie festgenommen werden. Sie sind bereit, diese Dinge zu ertragen. Manche schaffen es nicht, sie bringen sich im Gefängnis um. Manche werden krank im Geist, weil sie auf den Kopf geschlagen werden.“

Die meisten werden krank während sie in Drapchi inhaftiert sind. Tsering erzählt davon, wie die Wärter im Winter Wasser auf die Wände und den Boden schütten. Das Wasser wird zu Eis, am nächsten Tag müssen die politischen Häftlinge mit bloßen Füßen darauf stehen. Andere müssen sich niederknien, müssen Fragen beantworten. Wer die falsche Antwort gibt, bleibt auf dem Eis. Viele Ex-Häftlinge haben Nierenleiden wegen der Kälte. Die medizinische Versorgung ist so schlecht, dass einige sterben. Die Gefangenen verfassen eine Petition, die Versorgung wird etwas besser. Als Tsering krank wird, kommt er ins Spital, er sagt, sie hätten ihm dort drei Ampullen Rückenmarksflüssigkeit entnommen. Weil freiwillige Organspenden in China wegen kultureller Tabus selten sind, kommen fast zwei Drittel der Spenderlebern, -nieren und -herzen von exekutierten Gefangenen. Der Schwarzmarkt boomt.

Als Tsering im Jahr 2000 aus dem Gefängnis entlassen wird, realisiert er, dass das nicht das Ende seiner Probleme bedeutet, sie verändern sich bloß. Noch drei Jahre nach seiner Entlassung besitzt er  kaum politische Rechte, hält er sich mit mehr als drei Leuten gleichzeitig auf der Straße auf, gilt das als Verbrechen. Seine Familie leidet ebenfalls, sie wird regelmäßig verhört. Wo ist er, ist er noch im Dorf, fragen die Sicherheitskräfte jede Woche. Seine Verwandten werden auf der Straße beschimpft. Tsering hat das Gefühl, er schadet seiner Familie auf vielerlei Weise. Er versucht ein Restaurant zu eröffnen, doch es wird ständig durchsucht, es könnte ja sein, dass es eine Fassade für einen separatistischen Treffpunkt bildet. 2004 beschließt er, nach Indien zu gehen.

Ein Jahr später bricht er von Shigatse auf, der zweitgrößten Stadt des Autonomen Gebiet Tibet. Gemeinsam mit 25 anderen Tibetern marschiert er bis ins Tal von Lukla in Nepal. Fünfundzwanzig Tage sind sie unterwegs, über hohe Pässe, den Kindern erfrieren die Zehen. Fast die Hälfte der Gruppe sind sehr junge Kinder, deshalb werden sie vom Tibetan Reception Center aus Nepal mit den Flugzeug nach Indien geflogen. Tsering hat Glück, der Mann, der die Flüchtlingsgruppe aus Tibet führt, weiß, dass er ein Ex-Häftling ist, deshalb muss er nichts zahlen.

Der Preis für die Freiheit ist gestiegen. Früher kam man um 900 Yen nach Indien, das sind etwas mehr als 100 Euro. Heute zahlen die Menschen 20.000 Yen, rund fünfundzwanzig Mal so viel. Als der Dalai Lama im März 1959 nach Indien floh, folgten ihm rund 80.000 Menschen. In den vergangen Jahren waren es wenige Tausend. Seit März 2008 sinken die Zahlen jener, die nach Dharamsala kommen, zum Dalai Lama. Nach den Protesten in Tibet rund um die Olympischen Spiele hat Peking die Kontrollen verschärft. Viele bekannte Fluchtrouten sind unpassierbar geworden.
Einer der wenigen, die es nach 2008 geschafft haben, zu flüchten, ist Tsewang Dhondup. „Ich kann nicht erzählen, auf welcher Route ich nach Indien gekommen bin. Diese Route ist noch unentdeckt und wenn ich sie preisgebe, wäre das schlecht für diejenigen, die noch in Tibet sind“, sagt Tsewang.

Tsewang

Er hat sich in den Bergen versteckt. Ein Jahr, ein Monat, siebenundzwanzig Tage. Am 20. Mai 2009 ist er in Indien angekommen. Mit einem verkrüppelten Arm, einer Schussverletzung in der Hüfte. Jeder Flüchtling, der aus Tibet nach Indien kommt, bekommt eine Privataudienz beim Dalai Lama. Tsewang bleibt vierzig Minuten, ungewöhnlich lange. Er ist glücklich und traurig zugleich und vor allem nervös. Der Glaube an den Dalai Lama hat ihn in diesen vierzehn Monaten in den Bergen am Leben erhalten.

Am 24. März 2008 holt Tsewang in seinem Heimatort Tehor, nahe des Joru Klosters gerade Wasser,  als er Schreie und Schüsse hört. Jemand schreit „Lang Lebe seine Heiligkeit der Dalai Lama.“ Tsewang ist Farmer und Händler und er weiß, dass man für diese Worte eingesperrt werden kann. Er folgt dem Lärm, mehrere Hundert Nonnen, Mönche und Farmer demonstrieren, Tsewang drängt sich durch die Menschenmenge. Ein Schuss fällt und ein Mönch fällt zu Boden. Die Menschen schreien, Tsewang bückt sich, er sieht das Blut nicht, die Roben des Mönchs sind von Natur aus dunkelrot. Über 300 bewaffnete Polizisten versuchen, die Menge durch Schüsse, Tränengas und Schlagstöcke auseinander zu treiben. Der Mönch bewegt sich nicht.

Gemeinsam mit ein paar anderen Männern hebt Tsewang den leblosen Körper hoch, sie wollen die Leiche des Mönchs vor den chinesischen Polizisten verstecken. Zwei weitere Schüsse, der tote Körper rutscht Tsewang aus den Händen, er kann seinen linken Arm nicht mehr bewegen, an seiner Hüfte bildet sich ein roter Fleck auf dem Stoff seines Hemds. Er versucht, nicht zu schreien, um keine Panik auszulösen. Dann wird er ohnmächtig.

Als er wieder aufwacht, ist Tsewang in einer Hütte. Sein Bruder hat ihn auf ein Motorrad gehoben und weggefahren. Weg von den Schüssen, weg von der Polizei, weg von seiner Familie. Sie wissen beide, dass Tsewang nicht hier bleiben kann, sie müssen ihn verstecken. Sein Bruder und vier Freunde bauen eine Trage, sie binden alte Hemden um Tsewangs Arm um die Blutung zu stoppen und tragen ihn in die Berge. Sechs Nächte lang tragen sie ihn, bis sie sich sicher genug fühlen, um in einer Höhle ihr Lager aufzuschlagen. Tsewang ahnt nicht, wie lange er hier bleiben wird, monatelang wird er zu schwach sein, um sich überhaupt zu bewegen.

Auf Tsewang ist ein Kopfgeld von 20.000 Yen ausgesetzt, die chinesische Regierung verschärft die Sicherheitsmaßnahmen in Tibet. Die Tibeter haben damit gerechnet, dass sie wenige Monate vor den Olympischen Spielen mehr Spielraum für ihre Proteste haben werden. China hat versichert, die Situation der Menschenrechte zu verbessern. Die Proteste laufen seit dem 10. März 2008, seit dem 49. Gedenktag der Niederschlagung des tibetischen Volksaufstands. Ein paar Tage lang sieht die chinesische Regierung zu, dann schickt sie tausende Militärpolizisten nach Lhasa. Die Tibeter sind wütend, chinesische Geschäfte und Autos brennen. Die Chinesen sind wütend, viele Tibeter werden verhaftet. Tsewang bekommt das alles nur erzählt, während er in seiner Höhle liegt.

Als er zu Kräften kommt, beginnt er, seinen Arm zu inspizieren. Niemand hat ihn behandelt, er wickelt die provisorischen Bandagen ab, der Arm stinkt. Die alten Hemden sind in die Wunde eingewachsen, er muss sie rausreißen, muss auch die Maden rausreißen, die sich durch seinen leblosen Arm fressen. Er borgt sich eine Rasierklinge, beißt auf ein Stück Holz und schneidet das abgestorbene Fleisch weg. Er schüttet Whiskey über den Arm und schmiert Vaseline auf die Wunde. Das ist die einzige Behandlung, die er für fast vierzehn Monate bekommt.

    Hast du jemals überlegt, dich dort oben umzubringen, Tsewang?

„Ich habe oft über Selbstmord nachgedacht. Ich wollte nicht, dass meine Freunde wegen mir in den Bergen bleiben müssen. Jeden Tag habe ich von meinem Lager aus einen Stein gesucht, den ich mir so lange auf den Kopf schlagen kann, bis ich tot bin. Ich habe Stricke gesucht, mit denen ich mich aufhängen kann. Doch meine Freunde haben gemerkt, was ich im Sinn hatte und haben alles außer Reichweite gebracht, mit dem ich mich hätte umbringen können.“

    Was hat dich vom Leben überzeugt, als du endlich wieder aufstehen konntest?

„Meine Freunde haben mir gesagt, wenn ich sterben würde, würde das nur diejenigen freuen, die einen Preis auf meinen Kopf ausgesetzt haben. Wenn ich sterbe, wird meine Geschichte vergessen. Doch ich beschloss, nach Indien zu flüchten, den Menschen meine Geschichte zu erzählen, dem Dalai Lama meine Geschichte zu erzählen.“

Tsewang trainiert, er lernt wieder zu gehen. Auf der Flucht nach Indien muss er an zwanzig Checkpoints vorbei, ohne erkannt zu werden. In Indien trifft er den Dalai Lama, zieht in die Wohnungen von Gu-Chu-Sum, einer Organisation für ehemalige politische Häftlinge in Dharamsala. Zwei seiner Kinder sind auch nach Indien gekommen, von seiner Frau hat er sich scheiden lassen. Sie lebt noch in Tibet. „Es ist besser für sie, wenn sie nicht mit mir verheiratet ist.“

    Weißt du, wie es deiner Familie in Tibet geht?

„In meinem ersten Jahr in Indien habe ich Verwandte in China angerufen, die haben meine Familie in Tibet angerufen und so wusste ich, ob es ihnen gut geht. Aber heutzutage ist es fast unmöglich, Kontakt zu halten. Das Telefonnetz in meinem Heimatdorf wurde verboten oder abgeschnitten. Wenn ich anrufe, erreicht der Anruf niemanden.“

    Du hast viel gekämpft für Tibet. Wird dein Kampf jemals ein Ende haben?

„Bis Tibet bekommt, was wir verlangen, werde ich niemals aufhören.“

Die Geschichte Tibets zu erzählen, ohne dabei in politisierte Floskeln abzurutschen, ist schwer. Informationen vor Ort sind für ausländische Journalisten kaum zu bekommen, offizielle Statements haben eine klare Agenda. Was bleibt, sind Einzelschicksale, die eine größere Geschichte erzählen. Die Geschichten von Lhakpa Tsering, Tsewang Dhondup und Tsering Samdrup sind Splitter in einem Gesamtbild, das schwer zu erfassen ist. Schlussendlich sind es aber diese Splitter, die zählen. Diese Splitter sind die Menschen, die vom Gesamtbild der Politik und der Wirtschaft, der Befreiung oder der Okkupation beeinflusst werden. Die Schicksale dieser drei Männer sind Fragmente, aber sie sind keine Einzelschicksale. Über 30 Tibeter haben im letzten Jahr versucht, sich zu verbrennen, so wie Lhakpa Tsering. Tausende politische Gefangene haben in ihrer Haft ähnliche Folter erlebt wie Tsering Samdrup. Hunderttausende sind geflüchtet, wie Tsewang Dhondup.

Die jüngere Geschichte Tibets ist geprägt von Leid, von Flucht und von Sehnsucht, und all das prägt auch die Tibeter, die nach wie vor darauf hoffen, Tibet irgendwann in Freiheit zu sehen. Was diese Freiheit bedeutet, ist unklar. Ist es eine regionale Autonomie, die der Dalai Lama mittlerweile als „mittleren Weg“ vorschlägt? Ist es ein unabhängiges Land? Ist es überhaupt möglich, das Tibet wieder herzustellen, an das sich die Tibeter erinnern? Viele ehemalige Nomaden wurden  zwangsweise sesshaft gemacht. Aber würden sie diese Häuser nun wieder verlassen, wenn Tibet frei wäre? Was ist mit der veränderten Bevölkerungsstruktur? In jeder größeren Stadt in Tibet gibt es heute eine chinesische Bevölkerungsmehrheit. Han-Chinesen werden ermutigt, sich in Tibet niederzulassen, erhalten wirtschaftliche Vergünstigungen. Doch viele kommen auch freiwillig, weil der Bevölkerungsdruck in China zu groß ist. Andere Zerstörungen kann man rückgängig machen, doch wie stellt man eine Bevölkerungsstruktur wieder her, ohne damit anderen zu schaden? Man kann Tempel wieder aufbauen, man kann Soldaten abziehen, aber die Umsiedelung von Menschen ist nicht so einfach, selbst, wenn sie vielleicht aus den falschen Gründen hier sind. Es sei denn, man bedient sich der selben Methoden, die man kritisiert: Zwangsumsiedelungen, Zwangssterilisationen.

„Für mich sind die Tibeter wichtiger als Tibet“, sagt Lhakpa Tsering. „Wenn wir unsere Kultur bewahren, können wir alles erreichen. Eines Tages werden wir Tibet mit Leichtigkeit zurückbekommen, vielleicht dauert es eben zwei- oder dreihundert Jahre.“ Lhakpa kritisiert, dass die Tibeter sich mit ihrer Rolle als Opfer und Flüchtlinge abgefunden hätten. Dass sie keine Verantwortung übernehmen würden, weil der Dalai Lama zu gütig sei. „Manchmal glaube ich, dass es wahr ist, was die Chinesische Regierung sagt. Dass der tibetische Kampf endet, wenn seine Heiligkeit der Dalai Lama stirbt. In anderen Momenten glaube ich, dass der Kampf stärker wird. Wenn er stirbt, werden wir viel mehr Probleme haben, es wird uns härter machen, es wird uns vereinen.“

Der Dalai Lama ist mittlerweile 76 Jahre alt, was kommt, wenn er geht, weiß keiner. Er selbst lässt die Frage nach seiner möglichen zukünftigen Reinkarnation noch unbeantwortet. Er würde gemeinsam mit buddhistischen Gelehrten darüber beraten, wenn er ungefähr 90 sei, meinte er. Wenn die Öffentlichkeit eine weitere Reinkarnation wünsche, könne das durchaus geschehen, schließlich liege die Entscheidung vollkommen bei der Person die reinkarniere. Vielleicht bereitet dem Dalai Lama die Geschichte des Panchen Lama Sorge, dessen Reinkarnation er 1995 in einem sechsjährigen Buben anerkannte. Die chinesische Regierung stellte jedoch einen eigenen Panchen Lama vor, dessen Eltern Mitglieder der Kommunistischen Partei waren, und der vom Dalai Lama anerkannte Junge verschwand mitsamt seiner Familie.

Die Gefahr, dass mit dem Dalai Lama ein Stück tibetischer Identität stirbt, ist groß. Nicht nur, weil damit den tibetischen Buddhisten ihr geistiger Führer verloren ginge. Der Dalai Lama hat 1989 den Friedensnobelpreis erhalten und noch halten sich die Tibeter an den friedlichen Protest, es ist ein zentrales Merkmal ihrer Bewegung. „Wir dürfen keine Gewalt ausüben. Wir dürfen niemanden verletzen. Doch ohne irgendjemandem zu schaden, wird die Welt uns nie Aufmerksamkeit schenken“, sagt Lhakpa. Noch schaden sie sich selbst, noch zünden sich immer mehr Tibeter selbst an, die meisten sind jünger als 30 Jahre. „Aber was passiert, wenn die friedlichen Proteste nichts nützen, wenn das tibetische Volk trotzdem unterdrückt wird?“, fragt Tsering. Eine neue Generation von Tibetern wächst im Ausland auf, viele setzen auf eine Konfrontation mit China. Tsering sagt, vielleicht könnte es in Zukunft Gewalt geben, er ist nicht der einzige, der so denkt: „Wenn ich schon sterben muss, vielleicht will ich dann auch, dass andere mit mir sterben.“

Ein Stück tibetischer Identität ist bereits untergegangen.

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