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Die Russendisko

Strengste Geheimhaltung, tödliche Waffen und ein Bunker 65 Meter unter der Erde, der fast vergessen wurde. Die Militäranlage G. O. 42 diente einst Stalin zum Schutz und der Sowjetunion als Kommandozentrale für den Atomkrieg – heute ist sie ein Museum und Vergnügungspark, in dem amerikanische Städte zum Spaß in die Luft gejagt werden. Text: Martina Powell Foto: Geoff Catrall. Der Text erschien ursprünglich im Magazin 2012

Alarmlampen blinken. Eine Sirene heult, lässt meinen Brustkorb vibrieren. Es wird dunkel, nur die wichtigsten Alarmsysteme und Maschinen sind mit Energie versorgt. Ich sitze vor einer Kontrollkonsole, auf mich sind alle Blicke gerichtet. Es geht um die Ehre des Vaterlandes, um die Vernichtung der Feinde – um den Sieg! Das erste Signal! Ich nehme den geheimen Schlüssel, stecke ihn in das Schloss und drehe ihn um. Er ist glitschig von meinem Schweiß. Ich tippe den geheimen Code ein. Bleib ruhig! Auf einer Leinwand über meinem Kopf sehe ich Gesichter der Feinde: Kinder in Schuluniformen blicken verängstigt in den Himmel. Die US-amerikanische Flagge weht im Wind. Menschen lassen ihre Autos mitten auf einem Highway stehen, gaffen wie gebannt in die Ferne. Sie müssen alle von dem Angriff auf ihre Stadt gehört haben, der kurz bevorsteht. Das zweite Signal! Schlüssel reinstecken, umdrehen, Knopf drücken. Auf der Leinwand erscheint ein Steppengebiet, in Kasachstan? In Sibirien? Da! Die Rakete schießt aus einer Öffnung, verbrennt Bäume und Gras. Gleich reißt sie tausende Kilometer entfernt Menschen in den Tod. Keiner kann sie mehr aufhalten. Ich habe noch immer die Bilder meiner Gegner vor Augen, noch fünf – vier – drei – zwei – eins!

Die Lichter gehen an, die Show ist vorbei. Wir sind wieder im Jahr 2012 mitten in Moskau, im Museum des Kalten Krieges. In dieser historischen Erlebniswelt, einem Sowjetbunker in 65 Meter Tiefe, werden Besucher wie ich zu Soldaten der UdSSR: Wir lassen fiktive Raketen auf US-amerikanische Metropolen los und verfolgen den Abschuss auf einer Videowand, die eine Mischung apokalyptischer Szenen aus Hollywoodfilmen und echten Militäraufnahmen zeigt. An den Wänden hängen Hammer und Sichel, das eingerahmte Antlitz des Sowjetführers Nikita Sergejewitsch Chruschtschow blickt auf uns herab. Kalaschnikows liegen griffbereit in Waffenschranken, Modelle des Propellerbombers Tupolew Tu-95 baumeln von der Decke, bis heute gilt er als Symbol des Kalten Krieges. Hier blinken Kontrollpunkte, dort spuckt eine Schreibmaschine, mit denen Mitarbeiter des KGB verschlüsselte Botschaften geschrieben haben, auf Knopfdruck Papier mit unleserlichen Zeichen aus. Zwei Männer laufen in sowjetischen Kampfuniformen herum. Der eine trägt einen strengen schwarzen Offiziersanzug mit goldenen Knöpfen, der andere einen braun-grünen Tarnanzug, hohe Lederstiefel, um seinen Bauch hat er einen schweren Gürtel geschnallt. Sie sind Mitarbeiter der ehemals geheimen Anlage mit dem Codenamen „G. O. 42“, wo es noch heute die UdSSR gibt. Hier wütet der Kalte Krieg.

Das Gebäude, unter dem sich das Museum des Kalten Krieges befindet, steht mitten in einem belebten Viertel Moskaus, südöstlich vom Zentrum. Vom Roten Platz aus sind es nur 20 Minuten mit der U-Bahn bis zur Station Taganskaja, anschließend 150 Meter zu Fuß, einmal rechts und einmal links abbiegen – schon stehe ich vor der Nummer 11 auf der Fünften Kotelnicheski-Straße. Mit seiner fröhlichen eiergelben Farbe wirkt der Bau unscheinbar, fast unschuldig. Er könnte genauso gut ein Wohnhaus oder eines der Gebäude in der Gegend sein, in denen sich manchmal Friseure, Supermärkte oder Bücherläden befinden. Auf der Straße gegenüber, durch das Fenster einer kleinen Kirche, verkauft eine alte Frau selbst gebackenen Kuchen und Kwas – ein leicht alkoholisches Getränk aus Wasser, Roggen und Malz. Um die Ecke hat ein Lunchcafé eröffnet, Männer in eleganten Anzügen knabbern französisches Brot und trinken Café-Latte. Kein Schild, kein Wegweiser deutet darauf hin, dass sich nur wenige Gehminuten von einer der zentralen Metrostationen Moskaus entfernt, versteckt hinter dicken Mauern und 65 Meter unter der Erde, ein Militärbunker befindet.

Streng geheim

Bis in die 1990er-Jahre war die Existenz von G. O. 42 ein Staatsgeheimnis. Nicht einmal seine Architekten wussten genau, was sie da eigentlich bauten. Sie gingen davon aus, dass es sich um eine technische Anlage für den Betrieb der Metrostation Taganskaja handelte, die sie zeitgleich errichteten. Genau das wurde auch den Anrainern kommuniziert. Damit die Horden von Arbeitern nicht auffielen, fuhren sie gruppenweise in gesonderten Metrozügen nachts und am frühen Morgen zur Baustelle, noch bevor die offizielle Metro ihren Betrieb aufnahm.
Heute ist der Bunker zwar nicht mehr geheim, aber nicht weniger schwer zu finden. In einer Seitenstraße etwas abseits der Moskauer Hektik liegt der Eingang zum Gebäude Nummer 11, das sprichwörtlich nur Fassade ist. Hinter den sechs Meter dicken Mauern verbirgt sich nämlich nichts. Keine Büros, keine Wohnungen, wie es von außen den Anschein hat, sondern nur massiver Stahlbeton. Eine Kamera beobachtet den gesamten Straßenabschnitt, ein Schranken mit der zweisprachigen Aufschrift „No trespassing! – Granica posta!“ (Betreten verboten! – Grenzposten!) versperrt die Einfahrt zum Eingangstor. Darauf ist ein riesiger roter Stern montiert, ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit und der einzige Hinweis, der verwirrten Besuchern wie mich davon abhält, ein drittes Mal am Museum einfach vorbeizumarschieren. Ich nähere mich ohne Aufforderung dem Eingang der Anlage und schon weist mich eine Stimme aus dem Lautsprecher barsch zurecht: „Nelsja, nelsja“! (Verboten, verboten!).

Ein Schutzbunker gegen „die westliche Gefahr“

Die Geschichte von G. O. 42 beginnt im Jahr 1945. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges beauftragte der sowjetische Diktator Josef Stalin den Chef des Geheimdienstes Lavrentij Pavlovicˇ Berija, das Nuklearwaffenprogramm der UdSSR zu forcieren, das bereits in den 1930er-Jahren gestartet worden war. Der Schock nach den US-Atombombenabwürfen über Japan saß tief. Mithilfe von internierten deutschen Wissenschaftlern und geschätzten 250.000 Häftlingen wollte Stalin sein Reich gegen „die westliche Gefahr“ aufrüsten. Mit Erfolg: Am 29. August 1949 wurde in der kasachischen Steppe die erste russische Atombombe gezündet, 1953 folgte die erste Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft von geschätzten 400 Kilotonnen TNT (Trinitrotoluol, ein Sprengstoffgemisch, das auch als Maßstab für Bomben dient): „RDS-6“, von den Amerikanern auch „Joe 4“ genannt – damit war eine sowjetische Waffe 20 Mal stärker als die US-Nuklearwaffe „Fat Man“, die Nagasaki zerstörte.

Die Sowjets experimentierten jedoch nicht nur mit Offensivwaffen. Das Atomzeitalter setzte auch neue Maßstäbe beim Bau von sogenannten unterirdischen Schutzobjekten – und die Sowjetführung reagierte verhältnismäßig früh: In größeren Städten, insbesondere Moskau, ließ Stalin bereits seit den späten 1940er-Jahren Bunker bauen, die einem Atombombenangriff standhalten konnten. Wie viele es von ihnen gibt, ist bis heute ein Staatsgeheimnis. Ihre geheimen Codenamen lauten „G. O.“ – Gosudarstwenny Objekt (staatliches Objekt). Sie alle sind willkürlich nummeriert. Das soll Verwirrung stiften und Außenstehenden die Identifizierung der Projekte erschweren.

Einer der wenigen öffentlich zugänglichen Bunker aus der Zeit der Sowjetunion ist die Kommandozentrale G. O. 42, heute heißt die Anlage „Museum des Kalten Krieges“ oder einfach nur „Bunker-42 in Moskau“. Stalin ordnete das Projekt persönlich an, nach einer zweijährigen Planungsphase begannen Tunnelexperten 1952 mit dem Bau, vier Jahre später wurde die Anlage in Betrieb genommen. Sie diente dem Ministerium für Fernmeldewesen als Kommandozentrale, wo das Telefon- und Telegrafennetz des Landes zentral gesteuert und kontrolliert wurde. Im Notfall konnte die Sowjetregierung G. O. 42 auch zur Luftabwehr einsetzen.

Im Untergrund

Ich läute an einer Klingel und warte, bis ein Mitarbeiter die grüne Eisentür öffnet. Öffnungszeiten gibt es nicht, Führungen nur auf Anfrage. Wer nicht auf Russisch oder überzeugend mit Händen und Füßen kommunizieren kann, wird draußen stehen gelassen. Obwohl viele Führungen auf Englisch stattfinden, geben die meisten Mitarbeiter nur Auskunft in ihrer Muttersprache, und das knapp in streng militärischem Ton. Alles nur Show? Vermutlich. Hier wird alles getan, um die Atmosphäre des Kalten Krieges zu verbreiten. Die Führung geht los. Heute ist es eine Gruppe aus etwa 15 Personen. US-Amerikaner, ein spanisches Pärchen, Briten, ein Italiener und ein Kanadier, sie alle wollen wie ich unter die Erde. Wir versammeln uns hinter dem Eingangstor und überqueren die unsichtbare Linie zwischen der Außenwelt und jener des Bunkers. Wir stehen dicht zusammengedrängt in einer Art Vorhof, dunkelgrüne Eisenwände versperren uns den Blick zurück auf die Straße. Über unseren Köpfen ist ein Tarnnetz gespannt, an den Wänden hängen Warnschilder auf Russisch und Englisch: „Betreten auf eigene Gefahr!“.

Unsere Exkursionsleiterin Irina erklärt uns auf Englisch die Sicherheitsvorschriften: Berührt nichts und entfernt euch nie von der Gruppe, denn auf einer Fläche von 7.000 Quadratmetern könnten wir verloren gehen. Und vor allem: Bleibt cool! Wer in 65 Meter Tiefe einen Herzinfarkt bekommt, der kann lange auf die Rettung warten. Nervöses Lachen. Wir gehen im Gänsemarsch durch eine hölzerne Tür und einen Korridor entlang, der zu einem der drei Eingange von G. O. 42 führt – der einzige, den Besucher und Angestellte des Museums nutzen dürfen, denn drei der vier Ebenen stehen nach wie vor unter Geheimhaltung.
Irina lässt uns den Vortritt und schließt mit einem Knopfdruck eine massive Schiebetür. Zwei Tonnen Stahl versperren nun den Rückweg. Die Luft ist stickig, sie schmeckt nach abgestandenem Wasser und Eisen. Drei weitere Sicherheitstüren später und nach dem Abstieg über ein enges Treppenhaus mit 310 Stufen erklärt Irina mit ein bisschen Stolz, dass wir uns nun vor keinem Luftangriff und keiner Atomstrahlung mehr fürchten müssen.

Wir befinden uns nun 18 Stockwerke unter der Erde. Am tiefsten Punkt eines verkehrten Hochhauses, sagt unsere Exkursionsleiterin. Als die Anlage in Betrieb war, arbeiteten hier Flugabwehr- und Telekommunikationsexperten, Militärs, Zivilisten des Verteidigungsministeriums und Angestellte der technischen Abteilung des sowjetischen Geheimdiensts KGB. Anrainer und der Rest der Bevölkerung im Sowjetreich hatten davon freilich keine Ahnung. Bis zu 600 Arbeiter sind wie wir über das enge Stiegenhaus in G. O. 42 täglich geschleust worden. Irina führt uns zu einem Tisch mit Telefon und einem dicken Buch, dahinter steht ein Sessel: Der Checkpoint, an dem ein Beamter Name und Anwesenheitsdauer der Angestellten notierte. Insgesamt beschäftige das Projekt über 2.000 Menschen, die sich in 24-Stunden-Schichten abwechselten und sieben Tage die Woche arbeiteten. Sie schliefen auf Polstern, am nackten Boden im Gang – oder gar nicht. Im Extremfall konnten die Arbeiter hier bis zu 90 Tage ausharren, ohne nach außen Kontakt aufnehmen zu müssen. In einigen Räumen wurden Lebensmittel gelagert, für autonome Wasser-, Luft- und Energiezufuhr war gesorgt. Der Bunker sollte keine Menschenleben retten, sondern das Nervenzentrum der Sowjetunion am Leben erhalten.

Wir gehen tiefer in das Tunnelsystem. Die Decke, der Boden und die Wände schlucken das schwache Licht aus der Deckenbeleuchtung. Alles um uns herum ist braun lackiert und sieht schmierig aus. Aus den Wänden ragen Kabel, die lange Schatten werfen. Irina erinnert uns daran, nichts zu berühren, denn selbst die Angestellten wissen nicht, wie gut die Elektronik isoliert ist. Für die Verhältnisse der 1950er-Jahre waren die Architektur des Bunkers und seine Ausstattung allerdings modern: Tunnelexperten, die auch für den Bau der berühmten Moskauer Metro verantwortlich waren, sprengten Gänge und Höhlen aus dem Gestein. Sie verkleideten die Wände mit Schichten aus Beton und Eisen und versenkten hunderte Eisenstäbe mit zwei Meter Länge ins Mauerwerk. Diese sollten die Kraft von Druckwellen durch potenzielle Bomben abschwächen, erklärt Irina und deutet auf die Erhebungen in den Wänden. Die Anlage ist in vier verschiedene Sektoren gegliedert: In zwei befinden sich die Kontrollzentren, in den beiden anderen Versorgungssysteme wie Wasserspeicher und Stromgeneratoren.
Während die Verbindungsgänge niedrig und so eng gebaut sind, dass gerade mal zwei Personen nebeneinandergehen können, nimmt das Herzstück des Bunkers riesige Dimensionen an: Die vier Haupthallen sind wie die Metroschächte der Moskauer U-Bahn gebaut. In jeder hat ein Hallenfußballfeld Platz – zusammen mit einer Tribüne und einem Würstelstand.

1978 kam es zur ersten und einzigen Modernisierung des Bunkers: Die Ausrüstung wurde erneuert, neue Sicherheitssysteme installiert. Aber bereits zehn Jahre später war die Anlage so unbedeutend und die Geldprobleme der Sowjetregierung so groß, dass sie G. O. 42 finanziell vernachlässigte. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, war der Bunker nur noch eine Ruine, Geräte waren veraltet und kaum funktionstüchtig. Noch heute erinnern Mitarbeiter des Museums daran, dass „friedvolle Perioden stets die schwierigsten Zeiten für Bunker“ seien.

Zunächst übernahm das Staatsunternehmen Zentralny Telegraf (Zentrales Telegrafenamt) die Erhaltungskosten, stellte die Finanzierung allerdings 1995 wieder ein. 2006 wurde schließlich die unterste Ebene von G. O. 42 versteigert, privatisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei der Auktion sollen die Bieter, eine Betriebsgesellschaft namens Novik-Service, für geschätzte 65 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) den Zuschlag bekommen haben. Im Jahr 2012 ist die unterste Ebene von G. O. 42 Teil eines Entertainmentparks mit einem Museum, Restaurant und einer hauseigenen Disco.

Kalter Krieg – aus Sowjet-Perspektive

Nach unserem Spaziergang im Tunnelsystem führt uns Irina in einen kleinen Kinosaal, legt eine DVD ein und lässt uns für 30 Minuten allein. Wir hören Musik von Igor Strawinsky und sehen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Atombombentests. Eine Stimme aus dem Off erzählt die Geschichte des Kalten Krieges so, wie sie noch in der Sowjetunion verlautbart wurde: Riesige Pilzwolken steigen in den Himmel, die Kraft der Detonation wirft Schiffe und Lkws wie Spielzeuge um, dazu spielt ein Orchester „Die Frühlingsweihe“. „Die Kraft der Sowjets“, sagt die Stimme. Trommelwirbel, Geigen kreischen auf. „Die Sowjetunion stieg in kurzer Zeit zur Weltmacht auf, mit ihren großen und weltbewegenden Errungenschaften in der Technik und im Militär stand sie den Vereinigten Staaten um nichts nach.“

Wir erfahren: G.O.42 sei ein Puzzleteil im großen sowjetischen Kriegsplan gewesen. In chronologischer Reihenfolge zählt die Stimme „militärische Errungenschaften der UdSSR“ auf, wie die erfolgreiche Entwicklung von Atom- und Wasserstoffbomben; sie spricht auch vom „sowjetischen Helden“ und ersten Menschen im Weltraum, Juri Alexejewitsch Gagarin. Dass das Wettrüsten mit den USA die Sowjetunion beinahe in den Ruin trieb und unzählige Menschenleben kostete, wird in dem Mix aus dramatischer Musik und apokalyptischen Bildern nicht erwähnt.

Tod auf Knopfdruck

Nach dem Videofilm treffen wir wieder Irina, die uns in den ersten Sektor von G.O.42 führt: eine riesige Halle, die als Kommunikationszentrum diente und in der nun Plastikmodelle von Kampfjets und Raketen von der Decke hängen. Außerdem stehen zwei Konsolen auf einer Plattform mitten im Raum, auf denen wir den Raketenabschuss auf eine namenlose Stadt in den USA nachspielen. „Freiwillige bitte vor“, sagt Irina, dann drückt sie uns die „geheimen Schlüssel“ in die Hände. Die Kontrollpulte ähneln den Spielkonsolen, auf denen ich als Kind im Italienurlaub „Pac-Man“ und „Street Fighter“ gespielt habe. Der rote Knopf hat hier aber eine ganz andere Bedeutung. Irina schärft mir ein, ihn erst nach dem zweiten Signal zu drücken. Klingt einfach – und ist es auch. Der Tod kommt per Knopfdruck über das Display – eine US-amerikanische Kleinstadt ist ausgelöscht. Ich habe meine Pflicht als „Luftabwehrexpertin“ der UdSSR erfüllt.

Es wird still in der Gruppe. Irgendwo in der Ferne rattert die Moskauer U-Bahn vorbei. Kommentarlos führt uns Irina in den nächsten Raum. Hier gibt es alles, was der Sowjet-Nostalgiker begehrt: Wir dürfen in Uniformen ehemaliger Offiziere schlüpfen, mit echten Kalaschnikows posieren, durch Gasmasken atmen und sogar die grauen Schutzanzüge tragen, die vor biologischen, chemischen und atomaren Angriffen schützen sollen. Plakate aus der Sowjetzeit erklären, wie wir unserem Kollegen eine „Notfallspritze“ verabreichen müssen. Das geheime Gemisch verspricht bei radioaktiver Verstrahlung zu helfen. In der nächsten Halle mit geschätzten 1.200 Quadratmeter Fläche stehen Fässer und Holzwände herum. Ansonsten ist sie leer, normalerweise spielen hier Männer und Frauen in Tarnanzügen „Airsoft“ – eine Art militärischer Sport wie Paintball, bei dem sich Teilnehmer gegenseitig mit Luftdruckgewehren und weißen Kügelchen beschießen. Anders als in Russland oder Österreich sind in einigen Ländern Europas, wie Deutschland und den Niederlanden, Airsoftwaffen verboten.

Irina hebt eine der weißen Kunststoffkugeln auf, die auf dem Boden herumkullern, und nimmt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Gäste räumen nie auf, beschwert sie sich. Auch alle anderen Hallen, durch die uns Irina führt, stehen dem Privatvergnügen zur Verfügung. Für 20.000 Rubel die Stunde (etwa 520 Euro) finden neben Kontrollpulten Partys, Seminare und sogar Hochzeiten statt.

Geheime Pläne

Historikern mag diese schamlose Kommerzialisierung von Geschichte Tränen in die Augen treiben. Für das Privatunternehmen Novik-Service ist der ehemals marode Bunker allerdings eine Goldgrube: Ungefähr 8000 Personen besuchen jährlich dieses sowjetische Disneyland. Sogar ein Film wurde hier schon gedreht: In dem Thriller „Contamination“ aus dem Jahr 2007 erzählt der Regisseur Rodion Nahapetov die wahre Geschichte seiner Mutter, einer Gegnerin des Sowjetregimes, die in den 1960er-Jahren von den Behörden interniert wurde.
Der Untergrund Moskaus fasziniert und verleitet zu Spekulationen. Kein Wunder: Der Großteil der Anlagen sei entweder unerforscht, nicht mehr zugänglich oder stehe unter strengster Geheimhaltung, schreibt der Historiker Thomas Kunze in seinem Buch „Russlands Unterwelten“. Schon im Mittelalter seien in den größten Städten des Russischen Reiches Anlagen unter der Erde gebaut worden, meint Kunze: Tunnel, Katakomben, Labyrinthe, die mit Kirchen und Klöstern verbunden waren.

Die größten unterirdischen Projekte wurden jedoch zweifellos unter Stalin forciert: Nach der Kriegserklärung Deutschlands im Juni 1941, als deutsche Truppen bereits Richtung Moskau marschierten, lies der Diktator im Eiltempo mehrere Bunker in Moskau und an anderen strategisch wichtigen Punkten errichten. Im Eiltempo ließ Stalin Schutzanlagen aus dem Gestein schlagen. Seine Sicherheit genoss höchste Priorität. So befindet sich unter Wladiwostok, an der östlichen Küste Russlands nahe der nordkoreanischen Grenze, eine Stadt unter der Stadt. Im Falle des Falles hätte hier die Partei-Elite Schutz finden können. „B 11“ war 1949 fertiggestellt und später zur atomwaffensicheren Anlage ausgebaut worden, heute können auch Ausländer mit professioneller Begleitung Teile des 2.000 Quadratmeter großen Bunkersystems besuchen.

Um die Anlagen eines paranoiden Diktators zu besuchen, genügt allerdings eine Reise in die Hauptstadt Russlands, denn allein in Moskau gibt es zahlreiche für Stalin angefertigte Schutzbunker: Unter dem Museum für Militärgeschichte im Norden Moskaus befindet sich zum Beispiel der Stalin-Bunker. Die Anlage war die erste, die Sicherheitsexperten nach dem Angriff Deutschlands im Zweiten Weltkrieg für den Sowjetdiktator errichteten, und ist heute Teil des Museums. Außer dem Stalin-Bunker gibt es in Moskau noch Geheimräume unter der Lubjanka, dem Gebäude des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB und heutigen Inlandsgeheimdienstes FSB. Neben Gefängniszellen, in denen Internierte zu Tode gefoltert wurden, bauten Häftlinge und sowjetische Ingenieure ab 1941 auch einen Luftschutzbunker für tausend Menschen und eine geheime unterirdische Kommandozentrale – in weniger als einem Jahr. Zur gleichen Zeit sollen Experten auch das geheimste Objekt Russlands errichtet haben: den Kreml-Bunker. Bis heute gibt es keine zuverlässigen Quellen über seine Existenz, allerdings hat schon der Stalin-Biograf Simon Montefiore den Bunker in seinen Werken erwähnt.
Ein weiteres, nachgewiesenes Projekt zum Schutz Stalins liegt unter seiner Datscha, einer Art Landhaus, im Westen Moskaus. Der Bunker war von den 1990er-Jahren an bis 2006 öffentlich zugänglich, seitdem unterliegt er wieder der Geheimhaltung. In 15 Meter Tiefe könnte er jedoch heute noch einer Fliegerbombe standhalten, behaupten Militärs.

Die sowjetischen Bunker zeigen nicht nur die heutige Kommerzialisierung der Sowjetgeschichte, sondern auch den ambivalenten Umgang der Russen mit ihrer Vergangenheit: Auf der einen Seite protzen Privatfirmen wie Novik-Service mit dem Bunker G. O. 42, auf der anderen geben sich die Mitarbeiter der Anlage und Behörden zurückhaltend und geheimnisvoll. Forscher, die sich mit der Moskauer Unterwelt auseinandersetzen, erzählen, dass sie vom FSB verhört und beobachtet werden; viele Informationen über unterirdische Anlagen sind bis heute unter Verschluss.

Mythen und viele Fragen

Als ich in den größten Buchladen Moskaus gehe, um mehr über die Bunker aus der Sowjetzeit zu erfahren, drücken mir die Angestellten lediglich ein Buch in die Hand. Auf 312 Seiten schreibt ein ehemaliger Baggerarbeiter unter dem Pseudonym „Matwej Gretschko“ über die „dunklen Seiten der Geschichte“ und erwähnt dabei auch G. O. 42. Andere Werke zu diesem Thema hätten sie nicht auf Lager, heißt es. Ich merke: Wer sich mit dem Militärbunker beschäftigt, der stößt unweigerlich auf Gerüchte und Spekulationen über den Moskauer Untergrund. Denn für Gretschko ist der Sowjetbunker mit einem größeren Projekt verbunden – mit der geheimen Metro unter Moskau.
Dass es neben dem offiziellen U-Bahn-Netz ein zweites, geheimes Schienensystem gibt, ist vielleicht das am besten gehütete Geheimnis Moskaus – und Gretschko längst nicht der Einzige, der darüber spekuliert. Das Gerücht hält sich seit einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 1991 hartnäckig. Auf Seite 40 der Studie mit dem Titel „Military Forces in Transition“ steht: „Die Sowjets errichteten tiefe Kommandoposten im Untergrund unter Moskau und außerhalb der Stadt. Diese Anlagen verbindet ein Netzwerk aus einem speziell tiefen U-Bahn-System, das eine schnelle und einfache Evakuierung der Elite ermöglicht.” Dieses „inoffizielle“ Schienennetz verlaufe unter anderem unter dem Kreml und der staatlichen Moskauer Universitat Lomonossow in 200 bis 300 Meter Tiefe. Laut dem Bericht, den es im Original als Download im Internet gibt, existieren drei geheime Linien, die sternförmig von der geheimen Station unter dem Kreml wegführen. Die Spekulationen der US-Studie griff die russische Zeitung „Argumenty i Fakty“ (Argumente und Fakten) 1991 auf. Seitdem ist die geheime Metro nicht mehr nur in Geheimdienstkreisen Gesprächsthema. Viele, wie auch der russische Schriftsteller Wladimir Gonik, zweifeln nicht an der Existenz der geheimen Metrolinie. Schon in den 1990er-Jahren prägte Gonik dafür den Begriff „Metro-2“ und beschrieb das geheime unterirdische System in seinem Buch „Preispodnyaya“ („Unterwelt“) derart anschaulich, dass ihn der Geheimdienst nach der Veröffentlichung verhörte.

Auch der renommierte deutsche Historiker Thomas Kunze, der für die Konrad-Adenauer-Stiftung als Osteuropa-Experte tätig ist und jahrzehntelang den russischen Untergrund erforschte, erwähnt die Metro-2 in seinen Büchern. Er geht davon aus, dass die erste geheime Tunnelverbindung noch unter Stalin gebaut worden ist – als Verbindung vom Kreml-Bunker zur Anlage unter seiner Datscha. Die anderen Linien seien später dazugekommen, vermutlich in den Jahren 1967 bis 1987.

Eine vierte Linie zum Reichenviertel an der Rubljowskoje Chaussee sei in den 1990er-Jahren hinzugekommen, behauptet Juri Zaitsew, „Metro-Experte“ für metro.ru, ein aktuelles Internetprojekt, das sich mit Geschichte, Mythen und Anekdoten des Untergrunds beschäftigt. Die Gesamtlänge des Netzes ist unklar: Einige gehen von 112 Kilometern aus – das wäre mehr als ein Drittel der Länge des öffentlichen U-Bahn-Netzes mit etwa 276 Kilometern. In anderen Quellen ist davon die Rede, dass das geheime Schienennetz sogar größer als das öffentliche sei.

Matwej Gretschko lässt in „Geheime Linien der Moskauer Metro“ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er der Metro-2-Theorie Glauben schenkt. Unter der Erde, schreibt der anonyme Autor, gebe es sogar eine „Untergrundgesellschaft“: „Ich sah Kranke, Alkoholiker – Menschen, so schmutzig und gealtert, sodass ich sie gar nicht mehr als solche erkennen konnte. Einige von ihnen haben aufgehört, an die Oberfläche zu steigen. Sie lügen über die Anzahl der Tage und Nächte, die sie hier unten verbringen. Viele haben ihr Zeitgefühl verloren. Sie tragen Lumpen und liegen auf dreckigen Matratzen in ihren eigenen Exkrementen, leben und sterben zugleich. Es sind menschliche Leichen.“

Dass sich die Spekulationen über das geheime Metronetz halten, hat mehrere Gründe. Offensichtliche Ungereimtheiten beim Bau der offiziellen Metro zum Beispiel. Die Stationen Arbatskaja und Smolenskaja gibt es doppelt und auf zwei verschiedenen Linien. Die offizielle Begründung für den Bau der zweiten Linie lautet folgendermaßen: Zwischen den Stationen Komintero (heute: Alexandrowski Sad) und Ploschtschad Revoluzii (Platz der Revolution) gebe es ein zu steiles Gefälle. Außerdem war die Station Arbatskaja durch deutsche Bombenattacken 1941 beschädigt worden. So wurde die alte Linie stillgelegt und eine Parallellinie gebaut, um die Fehlkonstruktion auszugleichen. Allerdings wurde die alte Linie fünf Jahre später aus unbekannten Gründen wieder eröffnet. Die Doppelhaltestellen sorgen bis heute für Verwirrung. Anhänger der Metro-2-Theorie behaupten, dass hier das zweite Metronetz an einer offiziellen Station ans Tageslicht kommt.

Und so sorgen bis heute Meldungen in russischen Medien über den Moskauer Untergrund für Aufregung. 2006 kamen nach dem Abriss des riesigen Hotels Rossija gegenüber des Kremls unterirdische Gange zum Vorschein – Beweise für das geheimnisvolle Netz aus der Sowjetzeit? Die Diskussion über den merkwürdigen Fund hat die russische Regierung jedenfalls schnell abgedreht. Der FSB riegelte das Gelände ab und verhörte Journalisten, die über die Existenz eines geheimen Tunnels zum Kreml mehr erfahren wollten. Danach herrschte Schweigen. Vor zwei Jahren überraschte der Fernsehsender Russia Today mit der Meldung, dass bis zum Jahr 2012 über 5.000 Schutzräume für die Zivilbevölkerung unter Moskau gebaut werden sollen. Zwar könnte das offizielle Metrosystem annähernd die Hälfte der Bevölkerung aufnehmen, die zusätzlichen Bunker sollen aber weiteren sechs Millionen Menschen als Schutz dienen, so die offizielle Begründung. Allerdings bleibt der Fernsehbericht von Russia Today die einzige Meldung zu diesem Bauvorhaben.

„Diggers oft he Underground Planet“

Eine Gruppe von etwa hundert exzentrischen Russen sorgt zusätzlich dafür, dass die Metro-2-Spekulationen regelmäßig in den Medien vorkommen. Sie nennen sich „Diggers of the Underground Planet“ und sind eine lose Truppe aus Extremsportlern und selbsternannten „Untergrundforschern“. Seit den 1990er-Jahren graben sie sich durch Abwasserkanäle und versteckte Schächte unter der russischen Hauptstadt. Es ist eines der wenigen ernst zu nehmenden Projekte zur Erforschung des Moskauer Untergrunds mit ambitionierten Zielen: Die „Diggers“ wollen Lenins verschollene Bibliothek finden, endlich das Geheimnis von Metro-2 lüften und sogar eine Digger-Partei gründen. Auf ihrer Webseite publizieren sie nicht nur regelmäßige Berichte über ihre unterirdischen Streifzüge, sondern auch Bilder von angeblich „antiken Gräbern“ und einem „unbekannten Minensystem“, damit sich ihre Fans eine Vorstellung von ihren Abenteuern machen können.

Wie die unterirdische Stadt unter Moskau aussehen könnte, beschäftigt nicht nur „Digger“, Historiker oder Verschwörungstheoretiker, sondern mittlerweile auch Videospielehersteller, Filmemacher und Literaten. Am eindrucksvollsten beschreibt der russische Schriftsteller Dmitri Gluchowski in seinem Roman „Metro 2033“ den Untergrund Moskaus. Nach einem Atomkrieg vegetieren die Überlebenden im größten Bunkersystem der Welt, in den U-Bahn-Schächten der russischen Hauptstadt. Die U-Bahn-Stationen sind Ministädte, die Menschen vertrauen nur noch ihren Instinkten. Es gibt keine Hoffnungen, Pläne oder Wünsche. Außerdem bahnt sich eine weitere Katastrophe an: Um die Welt zu retten, muss der Held namens Artyom in das Herz der Metrostadt, um Hilfe zu holen.

In Gluchowskis Roman ist das Moskauer Schienennetz eine pulsierende Welt, gleichzeitig aber auch ein riesiges Grab, in dem sich unsere Ängste widerspiegeln: Isolation, soziale Verkümmerung und Wahnsinn. Die Idee zum Buch sei ihm auf dem Schulweg gekommen, als er zehn Jahre alt war, erzählt der Autor in einem Interview: „Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Ich hatte viel Zeit, zu reflektieren. Und wenn du eines Tages entdeckst, dass die gute alte Metro nicht das ist, für das sie sich ausgibt, sondern eigentlich eine Untergrundstadt ist, verbunden mit zweihundert Militäranlagen und weltweit der größte Atombunker, der durch eine geheime Linie für die Elite der Armee vernetzt ist … Wow! Das ist eine richtige Inspiration!“

In der realen Welt inspiriert Architekten und Stadtplaner aus einem anderen Grund der Gedanke, dass unter Moskau ein zweites, riesiges Tunnelnetz existiert: Metro-2 könnte nicht nur die Lösung für fehlende Zivilschutzanlagen sein, sondern auch für die Verkehrsprobleme der Millionenstadt: Stadtplaner gehen davon aus, dass unterirdische Autobahnen die Straßen an der Oberfläche entlasten könnten. Die russische Regierung schweigt bis dato zu diesem Thema. So bleibt das geheime Metronetz ein Mysterium, sogar professionelle Digger konnten bis heute keine nennenswerten Beweise liefern.
In Russland gibt es mittlerweile zwei Fraktionen zu diesem Thema: Die einen halten das geheime Schienennetz schlichtweg für ein Hirngespinst. Die anderen glauben, dass die Eingänge in offiziellen, hochgesicherten Gebäuden liegen. Daher werde der Zugang zur Metro-2 so lange geheim bleiben, wie es Regierung und Geheimdienst wollen, behaupten die Digger.

Ein möglicher Beweis für diese Theorie könnte ausgerechnet G. O. 42 sein: Die Anlage liegt nämlich nicht nur deshalb direkt neben der Metrostation Taganskaja, weil die Regierung den Bau verschleiern wollte und Arbeiter einfach hin- und hertransportiert werden konnten – sondern hier soll es auch einen direkten Zugang zum geheimen Metronetz geben, um die Versorgung der Arbeiter im Falle des Falles sicherzustellen. Unsere Exkursionsleiterin will nichts zu diesen Spekulationen sagen. Es handle sich eben nur um Theorien, betont sie immer wieder.

Der Weg ans Licht

Im Bunker G. O. 42 geht derweil die Show ihrem Ende zu. Kurz vor dem Ausstieg verlässt Irina die Gruppe. Es wird dunkel, eine Sirene ertönt. Explosionsgeräusche. Dampf strömt aus den Wänden. Aus den Lautsprechern kreischt eine Stimme auf Russisch: „Achtung, Moskau und Umgebung stehen unter Attacke. Genossen, alle auf Gefechtsstation!“ Sekunden später ist der Atombombenangriff vorbei. Ähnliches hatten wohl auch die Arbeiter in G.O.42 zu hören bekommen, wäre der Kalte Krieg heiß geworden und wäre Moskau tatsächlich unter Beschuss gestanden. Unter dem Gebäude Nummer 11 ist es allerdings nie zum Ernstfall gekommen, Oberbefehlshaber Josef Stalin und sein Nachfolger Nikita Chruschtschow haben das Millionenprojekt nie besucht. Wir steigen 310 Stufen nach oben, die stickige Luft macht kurzatmig. Mit dem alten Lift würde es länger dauern, entschuldigt Irina und bleibt am Eingang stehen. Wir stolpern ins Freie, uns begrüßt das Gebrüll der Stadt.

Auch wenn der Bunker nur noch ein Schatten seiner selbst ist und dazu dient, lediglich eine Seite der Geschichte des Kalten Krieges zu erzählen, ist er doch ein Symbol für den russischen Untergrund, der Widersprüche verbindet: Stärke und Angst. Schrecken und Hoffnung. Denn wer für die Sowjetregierung unter der Erde arbeitete, lebte gefährlich. Er war allerdings auch am Arbeitsmarkt gefragt und sicherer vor Verhaftung, Hinrichtung und Deportation nach Sibirien. Aus diesem Grund sang schon der berühmte sowjetische Liedermacher Wladimir Wyssozky: „Korridore enden an der Wand, Tunnel hingegen führen ans Licht.“

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