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In die Berg rett i gern

Je mehr es die Menschen in die Natur zieht, desto öfter verletzen sie sich. Dann braucht es Menschen, die in ihrer Freizeit andere retten. Aber warum eigentlich? Ein Besuch bei den aktivsten Bergrettungsgruppen in Tirol – für WALD

 

Das Abenteuer beginnt gleich neben dem Parkplatz. Es ist 336 Meter hoch, besteht aus Dutzenden Steilstufen, ein paar Bäumen, die auf dem Felsen ihre Wurzeln geschlagen haben, es besteht aus Granit und ganz oben gibt es ein weißes Gipfelkreuz, das in der Sonne leuchtet.

Die Nasenwand ist genau die Art Klettersteig, der man den beschwerlichen Aufstieg schon vom Tal aus ansieht. Bereits der Einstieg ist knifflig, Schwierigkeitsgrad C, das heißt: Ohne sicheren Tritt, Ausdauer und Kletterausrüstung bleibt man am besten unten. Nach den ersten Metern geht es über eine fast senkrechte Wand, dann quer durch ein Waldstück und wenn man die Steilstufe, Schwierigkeitsgrad D, überwunden hat, ist erst die Hälfte geschafft.

Aber genau dann, nach gut zwei Stunden Kletterei, wenn die Hände müde werden und die Konzentration nachlässt, kommt die Schlüsselstelle. Der schwierigste Abschnitt auf der Nasenwand verläuft nicht senkrecht, sondern überhängend auf gut 200 Höhenmeter. Es ist der Teil, der vielen den gewissen Kick gibt. Der Abschnitt, den man ohne viel Technik, Erfahrung und Kraft in den Händen nicht schafft. Es ist aber auch genau der Punkt, an dem sich manche Kletterer überschätzen, abrutschen und in den Gurt zurückfallen. Und das ist der Moment, an dem Menschen wie Christoph Egger ins Spiel kommen.

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Der 36-Jährige steht an einem warmen Novembertag am Fuße der Nasenwand, die er in den vergangenen Jahren besser kennengelernt hat, als ihm lieb ist. Egger, Förster der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) im Unteren Zillertal, ist Bergretter und wenn man so will so etwas wie der Spezialist für die Nasen- wand. Sein Büro, ein 200 Jahre altes Forsthaus, liegt nämlich ein paar Gehminuten vom Klettersteig entfernt, täglich fährt er mit seinem Auto am Felsen vorbei und kann dann schon die Punkte zählen, die auf der Nasenwand hinaufwandern. An schönen Tagen, sagt er, sind ein gutes Dutzend da oben unterwegs.

Egger weiß genau, was passiert, wenn den Kletterern die Puste ausgeht. Wenn sie abrutschen, in den Gurt zurückfallen und am Seil baumeln. Denn genau das ist der Punkt, an dem er und 26 andere Männer von der Bergrettung der Ortsstelle Ginzling nach ihren rot-schwarzen Jacken greifen. Denn dann hat irgendjemand den Notruf 140 gewählt.

Und das werden jährlich mehr. Vor ein paar Jahren, sagt Egger, lag die Unfallrate auf den Kletter- steigen hier in der Umgebung bei null. Heute müssen sie in Ginzling drei bis vier Mal pro Saison allein wegen jenen ausrücken, die auf den Granitfelsen in Not geraten.
Pro Jahr rücken die Bergretter in Ginzling 30 bis 40 Mal aus – sie suchen Vermisste, bergen Verletzte aus Gletscherspalten oder bringen Kletterer zurück in Sicherheit. In Tirol kommt die Bergrettung im Schnitt auf 1.900 Einsätze und in ganz Österreich sind die rot-schwarz gekleideten Männer und Frauen 7.000 Mal unterwegs.

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IMMER MEHR LEUTE ZIEHT ES NACH DRAUSSEN. Sie wollen klettern, wandern, bouldern, Gipfel erklimmen, mountainbiken oder im Winter die Pisten erobern. Und immer mehr Leute geraten auf den Bergen in Not. Und deshalb ist es gut, dass es Menschen wie Egger gibt, die ihnen helfen, wenn sie in Not geraten.

Diesen Trend spürt man in Orten wie Ginzling, die vom Bergsporttourismus leben. Der kleine Ort im hintersten Zillertal nahe der Südtiroler Grenze wirbt nicht umsonst mit dem Namen „Bergsteigerdorf“: Eine der Hauptattraktionen hier in Ginzling sind gewaltige Granitblöcke wie die Nasenwand, die links und rechts neben der Ortsstraße in die Höhe ragen. Sie sind genau das, wonach viele Kletterer suchen: schroffe, teilweise sehr hohe Felsen, die ganz unterschiedlich geformt sind. Die Klettersteige liegen mitten in der Natur, sind aber trotzdem mit dem Auto gut erreichbar. Hier rund um Ginzling findet man Routen in fast allen Schwierigkeitsstufen – und das gleich neben der Straße.

Felsen sind aber nicht das Einzige, was der kleine Ort zu bieten hat: Immer mehr Wanderer zieht es
auf den Berliner Höhenweg. Es ist einer der vielen Wanderwege, die hier hoch oben rund um das Tal verlaufen, auf teilweise über 3.000 Höhenmetern. Selbst ambitionierte Bergsteiger brauchen für den Berliner Höhenweg mindestens zwei Tage. Und wenn man den Kopf in den Nacken legt, sieht man vom Tal aus den Hintertuxer Gletscher zwischen den Bergspitzen weiß hervorblitzen. Auf ihm tummeln sich das ganze Jahr über Skifahrer, Tourengeher oder ehrgeizige Wanderer.

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SEIT DREI JAHREN IST EGGER BEI DER BERGRETTUNG, rund 20 Einsätze hat er miterlebt. Die meisten von ihnen, sagt er, passieren im Sommer, dann, wenn der Berliner Höhenweg von Wanderern überschwemmt wird und besonders viele Kletterer unterwegs sind. Das ist übrigens das genaue Gegenteil der Statistik des 20 Kilometer entfernten Mayrhofen im Zillertal: Der Ort lebt vom Wintertourismus, die Bergretter müssen deswegen oft wegen Skifahrern und Tourengehern ausrücken.

Aber egal, ob Winter oder Sommer, zu den Einsätzen der Bergretter kommt es meistens aus den gleichen Gründen: Menschen haben sich überschätzt, sind über ihre konditionellen Grenzen gegangen oder haben schlicht die falsche Ausrüstung dabeigehabt. Meistens, so Egger, verunglücken übrigens Touristen. Warum? Weil sie mit dem Bergsteigen nicht so aufgewachsen sind wie die Einheimischen? Oder weil sie Touren durchziehen, auch wenn das Wetter nicht mitspielt?

Wenn Egger von seinen Einsätzen als Bergretter erzählt, dann erzählt er von Wanderern, die sich den Knöchel verknacksen. Oder von Spaziergängern, die aus Erschöpfung nicht mehr vom Berg herunterkommen. Viele Einsätze mögen unspektakulär klingen – aber ausnahmslos alle Notrufe werden ernst genommen. Auch wenn einer oben am Berg sitzt und merkt, dass er nicht mehr kann, sagt Egger.
Und dann gibt es ein, zwei Einsätze pro Jahr, an die können sich die Bergretter noch Jahre später gut erinnern. Wie zum Beispiel der mit dem Holländer. Über zwei Meter groß und locker hundert Kilo schwer sei der gewesen. „Und der is beim Anstieg auf den Ber- liner Höhenweg ausg’rutscht, zehn Meter, und mit’m Kopf auf ’n Stoan g’ ogen. Schädelbasisbruch. Wenn aus Ohrwaschln und Nase wass’riges Bluat rausrinnt, dann kennst di aus.“

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WENN DIE RETTUNG MIT BLAULICHT UND SIRENE UNTERWEGS IST, dann bekommt das jeder mit. Bei den Bergrettern ist das anders. Da vibriert zuallererst nur das Handy. Die Bergrettung ist in Österreich ehrenamtlich organisiert. Das heißt, wenn irgendwo in den Bergen etwas passiert, dann sind die Retter mit etwas anderem beschäftigt. Sie sind bei der Arbeit, im Auto, zu Hause oder vielleicht sogar selbst draußen unterwegs. Deshalb wird Egger von der Leitstelle per SMS alarmiert. Und wenn er gerade in der Nähe ist und abkömmlich ist, dann zieht er seine rot-schwarze Jacke an – das Markenzeichen der Bergretter.

Die meisten Notrufe, sagt Egger, kommen gegen Abend, dann, wenn es dämmert und die Leute eigentlich vom Berg zurück sein wollten. „Und meistens dann, wenn’s vielleicht schon Abendessen gibt und du eigentlich Feierabend machen willst.“

Und dann kommt noch eine Sache dazu, die die Einsätze der Bergrettung nicht einfacher machen: Bergretterwetter, sagt Egger, heißt Sauwetter. Das sind die Tage, an denen die Unfallgefahr steigt. Es sind gleichzeitig auch die Tage, an denen ein Rettungseinsatz besonders schwierig wird, weil der Helikopter nicht fliegen kann. An denen die „Bodentruppen ran miaß’n“, wie es Egger formuliert. Und genau das macht Einsätze oft zum Knochen- job. „Kalt war’s, feicht – oanfoch schiach. Und passiert ist der Unfall auf 3.000 Meter, da musst du erst mal aufi.“ Dazu kommt die Einsatzausrüstung – Seile, Sani- Rucksack, Trage, Helme – die allein wiegt 20 Kilo.

Zwei, drei, vier Stunden brauchen die Bergretter manchmal, bis sie beim Unfallort sind. Dann wird der Verletzte versorgt, in die Trage gepackt und im Gänsemarsch ins Tal gebracht. Und wenn der so wie der Holländer über hundert Kilo wiegt, kommen selbst fitte Menschen wie Egger ins Schwitzen. Vorne zwei, hinten zwei, beim Tragen wechseln sich die Bergretter alle fünf Minuten ab, sagt Egger. „Weil nach fünf, sechs Stunden am Berg bist oanfoch fertig.“

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Manche Bilder, sagt Egger, bekommt er nicht mehr aus dem Kopf. Zum Beispiel jene von dem Bergsteiger, der sich mit seiner Partnerin im Nebel verirrt hat und dann mit einem Schneebrett 400 Höhenmeter abstürzte. Aber Gott sei Dank, sagt Egger, gehen die meisten Einsätze hier in Ginzling glimpflich aus.
Bergretter kann nicht jeder werden. Das weiß Ulli Huber besser als jeder andere hier in Ginzling. Huber leitet die Ortsstelle Ginzling und ist seit 15 Jahren dabei. Wer bei der Bergrettung mitmachen will, der
muss mehrere Aufnahmetests bestehen. Klettern, skifahren, Seile knoten und Erste Hilfe, das alles müssen die Bergretter im Schlaf beherrschen. Die besten schaffen die Aufnahmeprüfung frühestens nach zwei Jahren Ausbildung, sagt Huber.

27 Männer sind derzeit bei der Ortsstelle Ginzling dabei. Das ist für einen Ort mit 380 Einwohnern kein schlechter Schnitt: Fast zehn Prozent der Bevölkerung engagieren sich hier bei der Bergrettung. So wie in Ginzling hat die Bergrettung in ganz Tirol kein Nachwuchsproblem. „In Tirol wurden sogar die Aufnahmekriterien erhöht, weil sich so viele bei der Bergrettung bewerben“, sagt Huber.

Und das, obwohl die Bergrettung in Orten wie Ginzling für besonders schwierige und lange Einsätze in alpinen Höhenlagen bekannt ist. „Sicher, oft gehen wir ein viel zu großes Risiko ein“, sagt Huber. „Und als Ortsstellenleiter muss ich manchmal die Leute bremsen und sie daran erinnern, dass die eigene Sicherheit vorgeht. Aber da kann ich mich selbst nicht ausnehmen: Wir wollen den Leuten helfen. Und auf den Bergen geht man halt über seine Grenzen.“ Passiert sei den Bergrettern in seiner Zeit als Ortsstellenleiter noch nie etwas, sagt Huber. „Natürlich gibt es die eine oder andere Blessur, aber nie so, dass derjenige für eine Zeit außer Gefecht ist. Da sind die Nachbesprechungen schon eher der Grund, warum die Bergretter am nächsten Tag angeschlagen sind.“

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BERGRETTER, DAS SIND MENSCHEN WIE EGGER, die sich dazu berufen fühlen, Menschen zu helfen. Menschen, die von Nächstenliebe sprechen, wenn sie gefragt werden, warum sie freiwillig und unentgeltlich für andere manchmal ein hohes Risiko eingehen. In Orten wie Ginzling spielt die Ortsstelle aber noch eine ganz andere Rolle: Wer Sport machen will, der geht auf den Berg. Wer arbeitet, der hat meistens mit den Bergen zu tun, als Bergführer oder Hotelier zum Beispiel. Und weil hier sowieso alle mit den Bergen vor der Haustüre aufwachsen, kommen die meisten irgendwann mit den Bergrettern in Berührung. Bergretter zu sein bedeutet in Orten wie Ginzling, dabei zu sein. Als Egger 2011 als Förster im Unteren Zillertal anfing, hatte er drei Möglichkeiten, sich im Dor eben einzubringen: beim Musikverein, bei der Feuerwehr – oder bei der Bergrettung. „Musik spielen kann i ned und die Feuerwehr hat mi ned interessiert.“ Deshalb ist er zur Bergrettung gegangen. Und für ihn als Förster, sagt Egger, ist die Bergrettung auch beruflich eine Herausforderung. Da komme er an Orte, die er sonst gar nicht sehen würde.

Bergretter bedeutet aber auch, sich manchmal zu überwinden. Für jene Menschen da zu sein, die den Berg unterschätzen, aus Übermut oder Dummheit handeln: „Wenn du zu Hause zusammensitzt, mit Frau und Kindern, es wird finster, Sauwetter is – und dann kommt der Alarm. Da hab ich mir manchmal gedacht: Muss das jetzt sein?“ Aber dann, mitten im Einsatz, denkt man an solche Dinge nicht mehr, sagt Egger. Dann ist eine gewisse Professionalität da. „Da pusht der eine Bergretter den anderen.“ Und das kann hier mitunter wirklich Leben retten.

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