Mieux Press 2015_AYH_1

Mieux garçons

Felix Wolfersberger und Christoph Prager gehen vielleicht nicht so gerne baden wie andere Jungs in ihrem Alter. Dafür machen sie die vielleicht schönste Musik für den Sommer. Text: Martina Powell Fotos: Oliver Hofmann. Der Text erschien ursprünglich im Fleisch Magazin

Was ist die beste Musik für den Sommer? Felix legt eine Ausgabe von „New Sounds“ des New Yorker Radiosenders WNYC ein. Das! Wir sitzen im Auto, vier Stunden Fahrzeit zum Ossiacher See liegen vor uns, und aus dem Auto­radio kommt seit mehreren Minuten Electro-Akustik.

Die beste Musik für den Sommer, vielleicht das? Christoph, der zweite Mann im Auto, spielt ein paar Tracks vom neuen Jamie-xx-Album „In Colour“: „Gosh“, gleich die erste Nummer, irgendwo zwischen Electronic, House und UK Garage angesiedelt. Noch drei Stunden bis Ossiach.

Felix Wolfersberger und Christoph Prager sind „Mieux“, das vielleicht Beste, was es derzeit an neuer österreichischer Elektronik gibt. Seit knapp fünf Jahren machen die beiden 29-Jährigen gemeinsam Musik, spielten im Boiler Room, haben ein, zwei Tracks auf der begehrten Gilles Peterson Selection der BBC untergebracht, und ihre Musik wurde sogar im renommierten „­Billboard ­Magazine“ besprochen. Wohlwollend. Viel besser kann es für die beiden gerade nicht laufen. Und jetzt sitzen die beiden im Auto, auf dem Weg nach Ossiach, weil sie abends bei unserer großen Minigolf-Sause spielen sollen. Weil ihre Musik so gut zu Minigolf passt und so gut zum Sommer.

Das, was die beiden produzieren, kann man schwer auf einen Nenner bringen, es ist ein wunderbar frischer, ganz spezieller Stilmix. Ein Sound, bei dem Genres und Instrumente durcheinander­gewürfelt werden: House, fetter Bass, Elektro-Akustik und Jazz, gepaart mit Steel Drums, Glockenspiel und Gamelan-Gongs. Mag in der Theorie merkwürdig klingen, hört sich in der Praxis aber fantastisch an. Und dass diese Mischung funktioniert, zeigen die beiden auf ihrem ­Album „Are You Happy“, das im Frühjahr erschienen ist. Es ist Musik, die man im Club, aber auch auf dem Jazzfestival hören könnte. Musik, die im Auto genauso gut funktioniert wie auf der Bühne als Live-Set.

(c) Oliver Hofmann

„Die Suchkomponente ist für uns ganz wichtig“, sagt Christoph. „Vor allem ­Felix nimmt da eine Art Forscher­rolle ein. Er sitzt stundenlang vorm Computer, taucht ganz tief ein und findet die unglaublichsten Dinge – fast schon wie ein digitaler Messie, natürlich positiv gemeint.“ Dazu kommt, dass der eine eher aus der Richtung Reggae, Dub und Electro kommt und der andere sich lange in der österreichischen Hip-Hop- und Rap-Szene herumtrieb. „Wir haben als ‚Mieux‘, was ja übersetzt ‚besser‘ heißt, schon auch die Motivation, dass wir uns öffnen, ein bisschen anders produzieren. Auch, weil wir uns gegenseitig beeinflussen. Aber nie im negativen ­Bezug zu dem, was wir vorher gemacht haben“, sagt Christoph.

Dass die beiden gemeinsam Musik machen, oder besser: Musik tüfteln, ist übrigens Zufall. Denn eigentlich wollten sie als Solokünstler durchstarten. Christoph legte als „Minor Sick“ auf, Felix sampelte als „Feux“ Hip-Hop-Beats. Dann lernten sich die beiden kennen, wurden Freunde und legten ihre Künstlernamen zusammen. Das war vor über fünf Jahren. Heute sitzen die beiden nebeneinander im Auto und wissen eigentlich nicht mehr genau, wie das mit „­Mieux“ angefangen hat. Bei einer Party? Bei einer der vielen nächtlichen Ideen­sessions mit anderen Musikern? Sicher ist, sagt Christoph: „Mieux“ war am Anfang ein Spaßprojekt. Nichts, woran sie große Erwartungen geknüpft hätten. Ein RnB-Remix da, eine Compilation dort, viel Trash-Fun sei dabei gewesen, sagen sie. Vieles wurde am Anfang nicht veröffentlicht.

Zweieinhalb Stunden noch bis Ossiach, Jamie xx ist durch. Eigentlich, sagt Christoph, würde sich ja jetzt noch die Compilation ausgehen. Ihre Compila­tion, Anfang Juni für das Londoner ­Radar Radio zusammengestellt und im Prinzip das Best-of ihrer Lieblingslieder: von ruhiger Klaviermusik mit poppigen Vocals (Sunnymoon) über Rap aus Österreich (Crack Ignaz) bis zu der – für „Mieux“ – vielleicht besten Fusion aus House, Hip-Hop und Jazz (Glenn Astro). Fast alles ist drauf, sagt Christoph, vieles, was sie mögen, vieles, was sie beeinflusst hat. Zwei Stunden dauert ihr Beitrag auf Radar Radio, danach versteht man vielleicht ein bisschen besser, warum die Musik von „Mieux“ so klingt.

„Eigentlich“, sagt Christoph, „ist der Sommer für Musiker ein Problem.“ In Ossiach angekommen, sitzen wir auf einer Bierbank, es hat knapp 30 Grad, die beiden haben sich gerade im Ossiacher See abgekühlt. Es ist nämlich so, sagt Christoph, dass es im Sommer so viel Gutes zu tun gibt: baden gehen, an der Donau liegen, draußen Kaffee trinken, schnell raus mit den Füßen in die Sonne, bevor es in paar Wochen wieder vorbei ist. Blöderweise bleibt dadurch keine Zeit mehr für die anderen Dinge, fürs Musikmachen zum Beispiel. „In Europa sind viele nur zwischen Herbst und Frühjahr produktiv“, sagt Christoph. „Dann ist es aber kalt und grauslich.“ Vielleicht klingt deshalb so viel Musik aus Europa so depressiv?

Christoph und Felix finden jedenfalls, dass einmal rausgehen pro Tag reicht. Alles stehen und liegen lassen wegen des Sommers? Kommt bei ihnen nur selten vor. Die beiden sitzen auch dann im Sommer zu Hause vorm Computer, wenn die Freunde baden gehen, und machen – natürlich – Musik.

Dazu müssen die beiden nicht nebenein­andersitzen, die meiste Arbeit passiert virtuell über einen Dropbox-­Account. Darin sind knapp ein Terabyte Daten gespeichert, teilweise fertige Tracks, teilweise nur einzelne Sam­ples oder Ideenschnipsel. „Bei uns gibt es keine klare Arbeitsaufteilung“, erklärt Felix. „Manchmal entstehen Tracks, indem wir Einzelteile zusammenfügen, die wir alleine produziert haben. Oder der eine findet ein Sample, auf dem wir gemeinsam aufbauen.“

Diese Art von Teamwork spürt man, wenn die beiden auftreten. Es wird spät, die beiden packen ihre Koffer aus und bauen auf: Synthesizer, Computer, Drum Pads, sogar ein Glockenspiel ist mit dabei. „Und das ist nur die Sparvariante von unserem Live-Set“, erklärt ­Felix. Wenn die beiden spielen, dann wollen sie, dass das Publikum mitbekommt, was passiert. „Es ist kein klassisches Auflegen, sondern eine Art Tracks-Performen“, sagt Christoph. „Uns geht es nicht mehr rein um die Übergänge wie bei klassischen DJs. Es geht um das Spielen an sich.“ Und das sieht ungefähr so aus: Während der eine auf das Drum Pad schlägt, spielt der andere auf dem Glocken­spiel, dann werden die Seiten gewechselt, am Computer ein neuer Track eingespielt, der Synthesizer kommt zum Einsatz, dazu das Keyboard. Passen alle Instrumente zusammen? Ein Blick auf die Kontrollpanels, dann schauen sich die beiden an, grinsen und wippen mit Füßen und Köpfen im Takt.

Zur richtigen Band fehlt ihnen eigentlich nur ein Drummer, aber das ist Absicht: „Mieux“ heißt für die beiden nämlich auch: Selbermachen. „Da steckt ein gewisses Ethos dahinter. Man hat ja gewisse Erwartungen an einen Release, und die werden meist enttäuscht, wenn man sie weitergibt, an ein Label zum Beispiel“, sagt Christoph. Aber vielleicht bleiben „Mieux“ lieber auch zu Hause vorm Computer, weil die großen Studios im Sommer leer stehen. Und da wären wir wieder bei dieser Mentalität im Sommer, mit denen die beiden gar nichts anfangen können. Wobei: Einmal sind die beiden an diesem Wochenende in den See gehüpft. Aber dann haben sie wieder Musik gemacht. Wir haben es gehört.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *


*