Was ich beim Laufen über das Schreiben gelernt habe

Tagtäglich tausende Zeichen aufs virtuelle Papier zu bringen, damit Geld zu verdienen und hin und wieder sogar Spaß daran zu haben. Das klingt für viele wie ein Ding der Unmöglichkeit. Genauso verrückt klingt es für viele, dutzende Kilometer am Stück zu laufen.

Ich kann mir mein Leben mittlerweile nicht anders vorstellen. Nicht ohne Knieschmerzen und Frust vorm weißen Laptopbildschirm; nicht ohne Pulsuhr am Armgelenk und Notizbuch im Rucksack. Das „Runner’s High“ kommt dem Gefühl nach dem Punkt im letzten Satz einer Geschichte gleich.

Mehr noch: Ich könnte ohne Laufen nicht Schreiben. Und ich könnte ohne Schreiben nicht Laufen.

Einer meiner Lieblingsautoren, Haruki Murakami, hat es in seinem Buch „What I Talk About When I Talk About Running“ (2007) auf den Punkt gebracht, warum sich das Laufen mit dem Schreiben so gut verträgt. Denn schreiben, sagt Murakami, hat auch, aber letztendlich dann doch wenig mit Talent zu tun:

„In every interview I’m asked what’s the most important quality a novelist has to have. It’s pretty obvious: talent. Now matter how much enthusiasm and effort you put into writing, if you totally lack literary talent you can forget about being a novelist. This is more of a prerequisite than a necessary quality. If you don’t have any fuel, even the best car won’t run.
The problem with talent, though, is that in most cases the person involved can’t control its amount or quality. You might find the amount isn’t enough and you want to increase it, or you might try to be frugal and make it last longer, but in neither case do things work out that easily. Talent has a mind of its own and wells up when it wants to, and once it dries up, that’s it.“

Murakami redet vermutlich so, weil er sein Talent fürs Schreiben ziemlich spät entdeckt hat. Da war er bereits über 30 Jahre alt. Damals arbeitete er in einer Jazzbar in Tokio, verbrachte die ganze Nacht hinter dem Tresen, rauchte über 60 Zigaretten am Tag, schlief wenig und verbrachte seine Freizeit am liebsten am Sofa. Alles in allem ziemlich schlechte Voraussetzungen für einen Autor, der später in regelmäßigen Abständen Bestseller veröffentlichen wird. Und ziemlich schlechte Voraussetzungen für einen Marathonläufer.

Seine ersten beiden Romane schrieb Murakami noch in seiner Bar in Tokio, nachdem er die letzten Gäste rausgeschmissen hatte. Die Bücher waren ein Erfolg. Vielleicht hätte er mit diesem Lifestyle einfach weitermachen können. Doch er entschloss sich bewusst, von einem Tag auf den anderen seinen Job an den Nagel zu hängen und Vollzeit Schriftsteller zu werden. Denn mit seinem damaligen Tagesrhythmus hätte er niemals die Romane geschrieben, die ihn auch außerhalb Japans berühmt gemacht haben.

Also krempelte Murakami sein Leben um – und fast gleichzeitig begann er zu laufen. Am Anfang war er nach 20 Minuten k. o. 1991, also knapp zehn Jahre nachdem er mit dem Joggen begonnen hatte, rannte er den New York Marathon unter dreieinhalb Stunden. Eigentlich hatte er mit dem Joggen begonnen, weil er mit seiner Figur unzufrieden war. Nach ein paar Monaten konnte er sich ein Leben ohne Laufroutine nicht mehr vorstellen. Auch, weil sie für sein Überleben als Schriftsteller nötig geworden war.
Warum ausgerechnet diese Sportart? Warum nicht Radfahren oder etwas Sozialeres wie Volleyball? Warum ausgerechnet Laufen, wo man – wie langweilig! – nur einen Fuß vor dem anderen setzt? Vielleicht, weil man währenddessen so gute Ideen hat? Schreiben sich etwa Romane beim Joggen von selbst?

Nein, sagt Murakami. Er denke an nichts während dem Laufen (außer vielleicht ans nächste Essen oder daran, dass die Hüfte zwickt). Nein, er laufe, weil ihn diese Disziplin etwas über Ausdauer und Konzentration gelehrt habe. Und übers Schreiben. Denn im Gegensatz zu Talent könne man Ausdauer und Konzentration trainieren:

„Fortunately, these two disciplines—focus and endurance—are different from talent, since they can be acquired and sharpened through training. You’ll naturally learn both concentration and endurance when you sit down every day at your desk and train yourself to focus on one point. This is a lot like the training of muscles I wrote of a moment ago. You have to continually transmit the object of your focus to your entire body, and make sure it thoroughly assimilates the information necessary for you to write every single day and concentrate on the work at hand. And gradually you’ll expand the limits of what you’re able to do. Almost imperceptibly you’ll make the bar rise. This involves the same process as jogging every day to strengthen your muscles and develop a runner’s physique. Add a stimulus and keep it up. And repeat. Patience is a must in this process, but I guarantee results will come.”

Ich schreibe zwar Romane. Und ich laufe (noch) keine Ultramarathons. Aber ich kann bestätigen: Ausdauer und Konzentration braucht jeder, der schreibt. Vor allem jene, die als Freie schreiben. Also laufe ich weiter – und lerne jeden Tag dazu.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *


*