Die kleine Teeschule

Immer wieder höre ich von Kaffetrinkern, die Zubereitung von losem Grüntee sei viel zu kompliziert, zeitaufwändig und teuer. Dazu sage ich nur: au contraire!

Man nehme Drachenbrunnentee, angebaut in einem Umkreis von höchstens 25 km zum Long Jing Village in Zhejiang, in einem luftdicht abgeschlossenen Behälter importiert von einem blutsverwandten, weiblichen Familienmitglied zwischen 25 und 45 Jahren. Pro Tasse empfehle ich 1,64 Gramm Tee – wobei ich da nicht dogmatisch bin, schließlich sollen andere Teetrinker auch mit 1,67 Gramm schon akzeptable Ergebnisse erzielt haben.

Wer gerade kein granderbehandeltes Wasser vom Fuß des Fuji-Berges zur Verfügung hat, kann zur Not auch auf Billigprodukte wie Evian (aber bitte in der Glasflasche!) zurückgreifen. Gefiltertes Leitungswasser überlassen wir aber lieber dem Beuteltee trinkenden Plebs 😉

Das Wasser auf eine Temperatur von 78,96–79,38 Grad erwärmen. Falls man keinen frisch geeichten Laborthermometer zur Hand hat, gibt es auch die Möglichkeit, es ganz zum Kochen zu bringen und etwas Wasser bei Zimmertemperatur im Verhältnis der Richmannschen Mischungsregel beizumengen. Doch Vorsicht, Anfängerfehler! Auf einer Seehöhe von 151 Metern, wie im Fall von Wien, beträgt der Siedepunkt von Wasser nur mehr 99,547 Grad.

Den Tee anschließend in einer gusseisernen Xilin-Teekanne, die nie im selben Raum mit tensidhaltigen Spülmitteln aufbewahrt wurde, aus einer Höhe von etwa 25 Zentimetern in einer gleichmäßig kreisförmigen, linksdrehenden Bewegung aufgießen. Und dann sofort wegschütten. Alternativ könnt ihr diesen Aufguss, der nur zur Wässerung der Blätter dient, auch euren Kindern, Haustieren oder anderen Banausen ohne entwickelte Geschmacksknospen servieren.

Wir echten Teetrinker kümmern uns nun um den ersten genießbaren Aufguss: Der bewerkstelligt sich im Prinzip wie zuvor, nur mit etwas ausladenderen Kreisbewegungen der Hand. Als Ziehzeit empfehle ich 56 Sekunden, wobei man auch hier je nach Geschmack – und auf den kommt es schließlich an – etwa 1,25 Sekunden dazu- oder weggeben kann. Ein jeder nach seiner Fasson!

Nun muss der Tee nur noch in eine zweite Kanne (ich empfehle chinesisches Porzellan aus der Qing-Dynastie) umgegossen und anschließend in die Tasse gefüllt werden. Kenner trinken ihn wortlos in kleinen Schlucken und sinnieren dabei über das Rauschen von Kirschbäumen im Frühlingswind. Ungeübte sollten sich erst einmal nur ein Lüftchen vorstellen – bei zu starkem Wind gehen die feinsten Geschmacksnuancen leicht verloren.

Et voilà: Ein einfaches und vor allem bescheidenes Getränk, wie es unsere Vorfahren schon vor tausenden von Jahren zubereitet haben!

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