cyborg

Gespräche mit einem Cyborg aus der Zukunft

Übernehmen Computer in 50 Jahren die Macht? Wird der Mensch dadurch unsterblich? Oder stirbt er aus?
Unser Autor hat einen Zeitzeugen getroffen.

* Totoro420 hat #SingularityLounge betreten.

— Willkommen bei #SingularityLounge! Du hast Fragen zu Künstlicher Intelligenz, Maschinenlernen und der kommenden Singularität? Unsere Experten antworten dir gerne. www.singularitylounge.org —

Electric_Sheep: Sei gegrüßt, Totoro420.
Totoro420: Hi!
Totoro420: Gehörst du zu den Experten, die hier Fragen beantworten?
Electric_Sheep: Korrekt. Hast du eine Frage?
Totoro420: Noch keine konkrete. Ich bin Journalist und schreibe gerade an einer Geschichte über Künstliche Intelligenz.
Electric_Sheep: Klingt interessant. Vielleicht kann ich dir dabei helfen.
Totoro420: Darf ich fragen, was dich zum Experten macht? Bist du an einer Uni oder so was?
Electric_Sheep: Ich arbeite in der Tat an einer Uni, allerdings als Historiker. Aber ich habe ein wenig praktische Erfahrung mit KI. Mein direkter Vorgesetzter ist ein Computer, ein Großteil meiner Organe ist durch intelligente Prothesen ersetzt und in meinem Hirn habe ich mittlerweile die dritte Speichererweiterung. Erst letzte Woche eingebaut, gibt ein ganz neues Lebensgefühl.
Totoro420: LOL
Totoro420: Und du bist extra aus der Zukunft hergereist, um mit mir über Künstliche Intelligenz zu chatten?
Electric_Sheep: Dafür muss ich nicht durch die Zeit reisen, sondern kann an meinem Schreibtisch bleiben. Aber mein Kalender zeigt das Jahr 13, nach deiner Rechnung wäre das 2062.
Totoro420: Soll das witzig sein? Ich finde es nämlich witzig 😉
Electric_Sheep: Glaubst du mir nicht?
Totoro420: Naja, wir sind hier im Internet. Kannst du mir denn sagen, wer die Fußball-WM 2018 gewinnt?
Electric_Sheep: Das weiß ich leider nicht. Fußball hat mich nie besonders interessiert. Seit nur noch Roboter erlaubt sind, geht mir das alles viel zu schnell.
Totoro420: OK, dann was anderes. Kommt in Zukunft eine große Krise auf uns zu?
Electric_Sheep: Sogar mehrere. Aber keine Sorge, das Ende wird so plötzlich kommen, dass du es nicht merkst.
Totoro420: Da bin ich aber beruhigt.
Electric_Sheep: Also, glaubst du mir jetzt?
Totoro420: Hm.
Totoro420: Ich glaube, du bist entweder ein echt kreativer Troll …
Electric_Sheep: Ich bin weder ein Troll noch ein Oger, sondern ein normaler Mensch aus Fleisch, Blut und Schaltkreisen.
Totoro420: … oder du bist ein ziemlich schlauer Bot. Wahrscheinlich spuckst du immer automatisch dieses Sätzchen aus, wenn jemand das Wort „Troll“ verwendet.
Electric_Sheep: Du denkst, ich wäre ein simpler Algorithmus, der die Leute hier unterhält?
Totoro420: Ist doch ein naheliegender Scherz: Ein Chatroom mit Experten über Künstliche Intelligenz, und der „Experte“ ist selbst ein Computer. Oder nicht?
Electric_Sheep: Das wäre in der Tat unterhaltsam. Aber ich versichere dir, dass es nicht so ist.
Totoro420: Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.
Electric_Sheep: Wie bitte?
Totoro420: awevm58qw40üau
Electric_Sheep: Ich verstehe dich nicht …
Totoro420: Ich wollte nur sehen, wie du auf sinnlose Inputs reagierst. Wirkt schon ein bisschen roboterhaft.
Electric_Sheep: Was sollte ich schon antworten, wenn ich dich nicht verstehe?
Totoro420: Und was sollte ich machen, um herauszufinden, ob du ein Computer bist?
Electric_Sheep: Da wären wir endlich beim Thema.
Totoro420: 🙂
Electric Sheep: Was weißt du über Alan Turing?
Totoro420: Der hier? http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing
Electric_Sheep: Korrekt. Turing hat 1950 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er überlegt, wie man die Intelligenz einer Maschine bewerten kann. Das ist keine triviale Aufgabe – streng genommen wissen wir nicht, ob die Menschen um uns herum tatsächlich so denken wie wir, oder ob sie nur Automaten oder Produkte des Geistes sind. Du gehst im Alltag davon aus, dass die Person an der Supermarktkassa genauso Gedanken, Träume und Wünsche hat wie du. Doch sicher wissen kannst du es nicht.
Totoro420: Bei manchen hatte ich da schon meine Zweifel.
Electric_Sheep: Um dieses Problem zu umgehen, hat Turing vorgeschlagen, ausschließlich aus dem Verhalten auf die Intelligenz zu schließen. Das heißt: Wenn die Maschine ein normales Gespräch mit einem Menschen führen kann, dann müssen wir sie auch intelligent nennen. Nicht anders als bei echten Menschen.
Totoro420: Stimmt eigentlich, wenn man es so sehen will.
Electric_Sheep: Was wir hier gerade machen, ist im Prinzip eine einfache Variante dieses so genannten Turing-Tests.
Totoro420: Und was muss ich jetzt fragen, um zu wissen, dass du kein Computer bist?
Electric_Sheep: Da gibt es verschiedene Strategien. Manche haben Wissensfragen gestellt oder sich nach dem aktuellen Wetter erkundigt. Aber sobald der Computer Internetzugriff hat, ist das zwecklos. Andere geben schwierige Rechenaufgaben. Wer schneller antwortet als ein Mensch das könnte, muss ein Computer sein. Hier findest du noch mehr Beispielfragen: http://greatbird.com/turing/
Totoro420: Ok, was ist 47829 durch 2453?
Electric_Sheep: Etwa 19,5. Ich habe einen Rechner an meinem Terminal.
Totoro420: War ja klar.
Electric_Sheep: Es bieten sich auch emotionale, als typisch menschlich gesehene Attribute an. Fragen nach Gefühlen, Erinnerungen aus der Kindheit etc.
Totoro420: Also … hast du eine Frau?
Electric_Sheep: Positiv.
Totoro420: Und, wie hast du sie kennengelernt?
Electric_Sheep: Die Geschichte würde dich langweilen.
Totoro420: Jetzt komm schon!
Electric_Sheep: Wie du wünschst. Das war vor sieben Jahren. Ich habe gerade Urlaub auf dem Mond gemacht und wollte mir den Erdaufgang in einem Observatorium ansehen. Da höre ich eine Stimme fragen, ob der Platz neben mir besetzt ist. Und sobald ich hinübersehe, ist es um mich geschehen. Diese langen, schlanken Beine, die leuchtend roten Augen, der silbern schimmernde Teint …
Totoro420: Sie ist ein Roboter?
Electric_Sheep: Sagen wir, sie hat ihre organische Form fast völlig abgelegt. Jedenfalls habe ich sie damals sofort eingeladen, unsere Kompatibilitätswerte abzufragen. Das Netz hat uns 95 Prozent gegeben.
Totoro420: Wie romantisch.
Electric_Sheep: Ich habe vermutet, dass du das nicht verstehen würdest. Das fasziniert mich auch an eurer Zeit: Diese pessimistische Schicksalsergebenheit. Ihr sagt, die Maschinen bringen nur Krieg und Zerstörung, und trotzdem baut ihr sie. Warum sollten sie nicht Frieden und Liebe bringen?
Totoro420: Die Details würden mich interessieren …
Electric_Sheep: Das hatte ich vermutet. Also, habe ich deinen Turing-Test bestanden?
Totoro420: Denke schon. Du bist wohl ein Mensch, und zwar einer mit gewaltigem Dachschaden.
Electric_Sheep: Dein Umgangston ist verbesserungswürdig.
Totoro420: War nicht böse gemeint. Ich tue mir nur schwer, mir die Zukunft als Hippie-Paradies mit langbeinigen Cyborg-Bräuten vorzustellen.
Electric_Sheep: Meine Frau ist keine „Braut“, sondern unter anderem Expertin für Astrophysik, Neurologie und byzantinische Münzen.
Totoro420: Entschuldige … ein Hippie-Paradies mit langbeinigen Cyborg-Nobelpreisträgerinnen. Umso besser.
Electric_Sheep: Unsere Welt ist noch nicht perfekt, und einiges daran würde dich ziemlich verwundern.
Totoro420: Ich würde gern mehr davon hören, aber ich fürchte, ich muss weiter an meiner Geschichte arbeiten. Bist du morgen auch hier?
Electric_Sheep: Wann immer du hier bist, bin ich auch da.
Totoro420: Du musst viel Freizeit haben.
Electric_Sheep: Eigentlich bin ich gerade bei der Arbeit.
Totoro420: Na umso besser. Dann noch viel Spaß, was immer du in Wirklichkeit tust 😉
Electric_Sheep: Danke vielmals. Es war mir eine Ehre, Totoro420.

* Totoro420 hat #SingularityLounge verlassen.

 

* Totoro420 hat #SingularityLounge betreten.

— Willkommen bei #SingularityLounge! Du hast Fragen zu Künstlicher Intelligenz, Maschinenlernen und der kommenden Singularität? Unsere Experten antworten dir gerne.  www.singularitylounge.org —

Totoro420: Hallo?
Electric_Sheep: Sei gegrüßt, Totoro420.
Totoro420: Das ging aber schnell. Hast du sonst nichts zu tun als die Leute hier zu verarschen?
Electric_Sheep: Ich bin eigentlich gerade bei der Arbeit.
Totoro420: Du musst einen gemütlichen Job haben.
Electric_Sheep: In der Tat. Wie kommst du mit deiner Story voran?
Totoro420: Geht so. Habe noch eine Weile über unser Gespräch gestern nachgedacht.
Electric_Sheep: Glaubst du mir jetzt?
Totoro420: Nicht die Spur. Habe nur überlegt, wie ich deine kleine Geschichte widerlegen kann
Electric_Sheep: Und?
Totoro420: Ich hab mich gefragt, wie ihr mit den ganzen Paradoxien fertig werdet, um mit der Vergangenheit zu kommunizieren.
Totoro420: Du könntest mir zum Beispiel versehentlich Informationen geben, die bewirken, dass du nicht geboren wirst. Doch dann gibt es auch niemand mehr, der mir diese Informationen geben könnte.
Electric_Sheep: Das wäre tatsächlich paradox.
Totoro420: Würde mich interessieren, was du dazu für eine Ausrede parat hast.
Electric_Sheep: Gut, dass du das ansprichst. Ich muss dir nämlich etwas gestehen.
Totoro420: Ach ja?
Electric_Sheep: Ja. Wir können in Wirklichkeit nicht mit der Vergangenheit kommunizieren. Es gibt zwar ein paar Ideen in diese Richtung, aber der Energieaufwand wäre derzeit noch zu groß.
Totoro420: Hä? Wir reden ja gerade miteinander, und du behauptest  die ganze Zeit, dass du im Jahr 2067 lebst.
Electric_Sheep: 2062, um genau zu sein.
Totoro420: Wie auch immer. Wie soll das jetzt gehen?
Electric_Sheep: Dafür gibt es eine einfache Erklärung.
Totoro420: Auf die bin ich wirklich gespannt. Warte, ich hole mir ein Glas Rotwein, das könnte lustig werden.
Electric_Sheep: Nur zu, du kannst es vielleicht brauchen.
Totoro420: So, bin wieder da.
Electric_Sheep: Also. In Wirklichkeit lebe nicht nur ich im Jahr 2062, sondern du auch.
Totoro420: Das wäre mir aufgefallen. Auf der Zeitung von heute steht 2012.
Electric_Sheep: Ich hatte doch erwähnt, dass ich Historiker bin. Mich interessiert die Lebenswelt der Menschen aus deiner Zeit, und warum sie die Entscheidungen treffen, die sie eben getroffen haben. Manche davon waren eher suboptimal, um es vorsichtig auszudrücken.
Totoro420: Das kann ich mir denken.
Electric_Sheep: Nur, wie ich schon erwähnt habe, kann ich nicht direkt mit der Vergangenheit kommunizieren. Also habe ich ein Forschungsprojekt gestartet, bei dem wir eine naturgetreue Simulation der Welt vor 50 Jahren entwickeln. Und du bist einer der Menschen, die wir im Detail simulieren.
Totoro420: Hahahaha, ausgezeichnet.
Totoro420: Ich habe gedacht, die Geschichte von gestern lässt sich nicht mehr toppen. Aber du hast es geschafft, gratuliere.
Electric_Sheep: Ich war neugierig, wie du reagieren würdest. Anders, als ich erwartet habe.
Totoro420: Was denkst du denn? Mein Hirn liegt in Wirklichkeit in einem Glas und ich bilde mir alles nur ein und bla bla bla, alles schon tausendmal gehört.
Electric_Sheep: Tatsächlich hast du gar keine körperliche Manifestation. Du bist mehr so etwas wie ein Computerprogramm. Aber kein simpler Algorithmus, wie du es mir unterstellt hast. Ich bin jedenfalls stolz auf mein Projekt.
Totoro420: Und ihr simuliert einfach mich und meine ganze Welt? Braucht das nicht ein bisschen viel Rechenleistung?
Electric_Sheep: Für heutige Verhältnisse hält es sich im Rahmen. Am aufwändigsten war es, die Nervenbahnen richtig zu simulieren. Der Neocortex in deinem Gehirn besteht schließlich aus 30 Milliarden Neuronen. Darum haben wir das auch nicht bei allen sieben Milliarden Menschen getan, sondern nur bei einer Auswahl. Der Rest ist quasi Requisite.
Totoro420: Haha, meine Freunde sind also Automaten, die gerade mal so den Turing-Test bestehen? Bei manchen würde mich das nicht wundern.
Electric_Sheep: Alle Menschen, die du in deinem Leben treffen wirst, sind genau modelliert. Dafür sorgen wir. Und den Turing-Test zu bestehen, ist heute nicht mehr das Richtmaß. Intelligenz hat wenig mit dem Verhalten zu tun und mehr mit dem Verstehen. Die Schachcomputer aus eurer Zeit haben zwar gegen Großmeister gewonnen, aber sie haben Schach nicht verstanden.
Totoro420: Und eure Computer sinnieren über die Symbolik der königsindischen Eröffnung?
Electric_Sheep: Gegenfrage: Verstehst du Schach?
Totoro420: Einigermaßen wenigstens.
Electric_Sheep: Das müsste dir als Antwort genügen.
Totoro420: Deine Logik ist atemberaubend.
Electric_Sheep: Danke. Das Gehirn ist zwar ziemlich langsam, aber von seiner Architektur haben wir gelernt, wie Intelligenz funktioniert. Das könnte auch für deine Geschichte relevant sein.
Totoro420: Moment mal …
Electric_Sheep: Wie bitte?
Totoro420: Mir ist was eingefallen. Leider musst du bei deiner tollen Geschichte noch etwas an den Details arbeiten.
Electric_Sheep: Worauf willst du hinaus?
Totoro420: In 50 Jahren werden doch noch Menschen leben, die das alles hier miterlebt haben. Wir sterben ja offensichtlich nicht aus. Warum solltest du das alles dann simulieren? Das wäre doch schwachsinnig.
Electric_Sheep: Leider sind nicht mehr besonders viele Menschen aus dieser Zeit übrig. Ich habe ja von suboptimalen Entscheidungen erzählt. Und die, die noch leben, haben sich radikal verändert. Sagen wir so: Es hat da einen Punkt gegeben, an dem nichts mehr so gewesen ist, wie es vorher war.
Totoro420: Redest du von der Singularität?
Electric_Sheep: Kommt darauf an, was genau du darunter verstehst.
Totoro420: Sowas wie hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Technologische_Singularit%C3%A4t
Electric_Sheep: Im Groben, ja. Doch der Begriff trifft es nicht ganz, denn er impliziert eine plötzliche Veränderung. Wer gerade aufwacht, ist erst in einem Dämmerzustand und merkt nicht, dass er schon bei Sinnen ist. Auch das technologische Erwachen hat sich über ein paar Jahre hingezogen.
Totoro420: Soso. Und es ist natürlich alles so passiert, wie man es uns prophezeit hat.
Electric_Sheep: Manches ja, manches nein. Eine Weile lang haben noch Misstrauen und organischer Chauvinismus eine Rolle gespielt. Aber irgendwann hat sich durchgesetzt, dass es mehr bedeutet, ein Mensch zu sein, als einen nassen Sack voller Knochen und Organe mit sich herumzutragen.
Totoro420: Als die Maschinen euch endgültig unterworfen haben, oder was?
Electric_Sheep: Vor etwa zwanzig Jahren, also noch vor dem Erwachen, gab es ein entscheidendes Gerichtsurteil. Ein Rennfahrer hatte nach mehreren Unfällen nur noch Prothesen und praktisch kein organisches Gewebe mehr. Der Prothesenhersteller beanspruchte daraufhin seinen Körper, mit der Begründung, dass er als Person nicht mehr existieren würde. Doch der Rennfahrer gewann. Seit dem Harry-Johns-Urteil haben alle bewusstseinsfähigen Lebensformen die gleichen Rechte, unabhängig vom Speichermedium. Es hat aber gedauert, bis sich das auch in den Köpfen durchgesetzt hat.
Totoro420: Jetzt hast du dich wieder zu weit aus dem Fenster gelehnt. Die Geschichte kenne ich.
Electric_Sheep: Wie bitte?
Totoro420: Das ist ein Hörspiel von Stanislaw Lem. Hab ich vor ein paar Jahren mal gehört:http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8889577.html
Totoro420: Du hast schon so lange auf mich eingeredet, dass ich dir fast wirklich geglaubt hätte. Jetzt hast du’s leider verschissen.
Electric_Sheep: Schon wieder. Ich muss morgen in der Teamsitzung ein ernstes Wörtchen mit jemandem reden. Unsere Entwickler erlauben sich manchmal einen Spaß und bauen Ereignisse aus unserer Zeit als Science-Fiction-Geschichten in eure Welt ein. Ich habe es ihnen schon mehrmals verboten, weil es die Ergebnisse unseres Projekts kompromittieren kann.
Totoro420: Hehe, ausgezeichnet.
Electric_Sheep: Was soll daran ausgezeichnet sein?
Totoro420: Von allen deinen Ausreden war das bisher mit Abstand die beste.
Electric_Sheep: Eine Ausrede müssen sich eher meine Mitarbeiter einfallen lassen.
Totoro420: Wie auch immer. Aber wenn es dieses Urteil wirklich gegeben hat, dann müsste ich ja auch die gleichen Rechte wie du haben. Oder machst du gerade sowas wie illegale Tierversuche mit mir?
Electric_Sheep: Nicht im Geringsten. Wir halten dich schließlich artgerecht.
Totoro420: Ich kann nicht klagen 😉 Aber könnte ich dann zum Beispiel in der Zukunft für ein politisches Amt kandidieren? Von diesem Chat aus?
Electric_Sheep: Negativ. Politische Ämter sind nicht mehr nötig. Das Netz hat überall auf der Welt Sensoren, die alles überwachen. Die Wirtschaft, die Populationsgröße, das Wetter, kosmische Gefahren, einfach alles. Sollten Unregelmäßigkeiten auftreten, greift es sofort ein.
Totoro420: Und was machen dann die Menschen?
Electric_Sheep: Wir sind dazu bestimmt, die Menschheit zu erhalten, in ihrer kulturellen und vor allem genetischen Vielfalt.
Totoro420: Lebst du in einem Naturschutzpark, oder was?
Electric_Sheep: Wenn, dann ist dieser Park so groß, dass wir seine Grenzen nicht bemerken. Wir können tun und lassen, was wir wollen; uns mit den Künsten befassen oder, so wie ich, die menschliche Kultur studieren.
Totoro420: Aber eigentlich habt ihr nichts zu melden?
Electric_Sheep: Ich sehe keinen Grund, warum das besser sein sollte. Das Netz findet Lösungen, die kein Mensch voraussehen könnte. Doch sie sind immer zu unserem Besten.
Totoro420: Deine Zukunftsvision hat am Anfang noch verlockend geklungen, aber jetzt wird sie mir langsam unheimlich.
Electric_Sheep: Ich vermute, du würdest unsere Welt sehr vielfältig und anregend finden.
Totoro420: Tja, das werde ich wohl nie erfahren.
Electric_Sheep: Doch, das wirst du.
Totoro420: Du hast doch irgendwann gesagt, dass ich vorher den Löffel abgebe, oder nicht?
Electric_Sheep: Ich habe dir doch vom Harry-Johns-Urteil erzählt. Deine Rechte enden nicht mit dem Ablauf der Simulation. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, wird dein Programm in das zentrale Netz transferiert. Du kannst dir dann auch einen Körper zulegen und meine Welt auf eigenen Beinen kennen lernen.
Electric_Sheep: Ich verstehe, wenn du mir nicht glaubst. Aber ich freue mich schon darauf, dir die Hand schütteln zu können.
Electric_Sheep: Bist du noch da?
Totoro420: Sorry, langsam bin ich mit meiner Geduld am Ende.
Electric_Sheep: Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.
Totoro420: Jetzt tu nicht so. Am Anfang war’s ja noch witzig, aber du musst mir hier nichts von einem Leben nach dem Tod vorgaukeln. Willst du jetzt, dass ich dich als meinen Schöpfer anbete oder was?
Electric_Sheep: Entschuldige vielmals, ich hatte ganz vergessen, dass ihr noch Angst vor dem körperlichen Tod habt. Solche Gedanken sind uns fremd.
Totoro420: Puh, mir reicht das jetzt langsam. Ich hau ab.
Electric_Sheep: Tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe. Ich dachte, du wärst bereit für die Wahrheit. Aber ich werde mich besser wieder zurückziehen. Viel Erfolg noch mit deiner 2012-Story! Es war mir eine Ehre, Totoro420.
Totoro420: Moment mal. Woher weißt du, für welches Magazin ich schreibe?

* Electric_Sheep hat #SingularityLounge verlassen.

 

(dieses Chatprotokoll ist in gekürzter Fassung im 2012 Magazin erschienen)

 

2 Comments on “Gespräche mit einem Cyborg aus der Zukunft

  1. Großartig!! Die BESTE Einführung zur Philosophie des Geistes, Skeptizismus und Identitätstheorie, die ich seit langer, langer Zeit gelesen habe! Sehr unterhaltsam, vielen Dank für diesen Beitrag,
    Julian

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