BRETTER_Sexillu_DURST2-13neu

Und führe uns nicht in Versuchung

Ende 2011 erlaubte uns der damalige Chefredakteur des Magazins DURST, eine Sexseite zu gestalten. Schwerer Fehler. Schon der Arbeitstitel ließ Geschmackvolles erahnen: “Rein, raus, rein, raus: Unsere Sexologin Dr. Pfannenstiel-Brugger beantwortet eure Fragen zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit.” Hier ein kleines Kompendium der pikantesten Fragen und Antworten.

Französisch, Griechisch, etc. – warum bezeichnen wir manche Sexpraktiken eigentlich mit Ländernamen? Und gibt es auch ein „Österreichisch“?

 – Bergfried, 21

Sich ohne Verabschiedung aus dem Staub zu machen heißt auf Englisch „to take a french leave“. Die Franzosen hingegen sagen dazu „filer a l’anglais“. Kurzum: Die Schlimmen sind immer die anderen. Ländertypische Sex-Bezeichungen funktionieren nach demselben Muster. Ein Beispiel: In Deutschland laufen Sadomaso-Spiele unter dem Namen „Englisch“. Und wie heißen sie bei den Engländern? Genau: „German“.

Sex und rassistische Vorurteile – was gibt es Schöneres, als diese zwei Konstanten des menschlichen Interesses miteinander zu verbinden? Genau das tun ethnonymische Bezeichnungen von Sexualpraktiken, wie das Phänomen in der Linguistik heißt. Und geht es nach der einschlägigen Forschung, hat die deutsche Sprache eine besondere Vielfalt an solchen Begriffen hervorgebracht. Das weiß jeder, der sich die Sexanzeigen in der Kronen Zeitung ansieht – mit rassistischen Vorurteilen kennt man sich dort eben aus. Nach langjährigem Studium dieser Anzeigen (natürlich nur aus linguistischem Interesse) ist mein persönlicher Favorit „Algierfranzösisch“. Was das sein soll? Ganz einfach: Französisch bezeichnet bekanntlich Oralverkehr, und Algier war in der Kolonialzeit auch französisches Staatsgebiet, nur eben weiter … südlich. Um den Rest zu kombinieren, musst du kein Sherlock Holmes sein.

Eine Sexpraktik namens Österreichisch ist mir bisher noch nicht untergekommen – aber seien wir froh, dass es keine gibt, denn bei den gängigen Vorurteilen über Österreich hätte sie wohl mit Nazis oder versperrten Kellern zu tun. Doch immerhin nach unserer Bundeshauptstadt ist eine Sex-Stellung benannt: Die so genannte Wiener Auster, die es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat.

 

Bei Tieren scheint Sex vor allem einen Zweck zu haben: die Fortpflanzung. Nur wir Menschen schnackseln wegen und mit allem Möglichen, aber kaum, um Kinder in die Welt zu setzen. Warum ist das so?

– Karin, 19

Liebe Karin, du hattest wohl noch nie Meerschweinchen, oder jedenfalls nicht zwei männliche. Aber fangen wir bei unseren nächsten Verwandten an, den anderen Menschenaffen. Orang-Utans basteln sich beispielsweise Dildos aus Stöcken und Rinde. Die meisten unserer haarigen Brüder und Schwestern können sich außerdem selbst oral befriedigen und tun das auch regelmäßig – ein Kunststück, das nur knapp 0,3 Prozent der Menschen hinbringen (und nein, Marilyn Manson gehört entgegen einschlägigen Gerüchten nicht dazu).

Oralsex, ob alleine oder zu zweit, ist außerdem schon bei Ziegen, Hyänen, Fledermäusen oder Schafen beobachtet worden – alles Tiere, die ein komplexes Sozialgefüge haben, so wie wir Menschen. Und gleichgeschlechtlicher Sex ist im Tierreich sowieso eher die Regel als die Ausnahme. Dass die Verhaltensforschung das erst jetzt in allen schmutzigen Details beleuchtet, mag daran liegen, dass das Thema lange Tabu war: „Wenn ein Männchen nur an einem Weibchen schnüffelt, wird es als Sex registriert, aber Analverkehr samt Orgasmus zwischen zwei Männchen wird als Dominanz- oder Begrüßungsgeste gesehen“, schrieb etwa der kanadische Biologe Bruce Bagemihl über Forscher, die Giraffen beobachteten. Ob die Forscher sich untereinander auch so begrüßen?

Die Trophäe für die größten Schweinigeln unter den Tieren dürfte aber an die Delfine gehen. Sie masturbieren, indem sie ihre Genitalien an verschiedenen Hindernissen oder auch ihren Artgenossen reiben. Wenn verschiedene Gruppen (Rudel? Herden?) von Delfinen aufeinander treffen, können sie die Spannung schon einmal durch ungezwungenen Gruppensex abbauen – und das sogar zwischen verschiedenen Spezies. Der Amazonas-Flussdelfin Inia Geoffrensis ist außerdem die einzige bekannte Art im Tierreich, die Nasalverkehr praktiziert – nämlich durchs Blasloch. Ab heute wirst du Delfine nie wieder im gleichen Licht sehen: Wenn Flipper lächelt, ist es eigentlich das dreckige Grinsen eines unverbesserlichen Lüstlings.

 

 

BRETTER_Sexillu_DURST 1:14

Illustration: Christian Bretter

 

Hatten die Leute im Mittelalter eigentlich die gleichen sexuellen Vorlieben und Fetische wie wir? Oder hatten die ganz anders Sex, weil sie noch keine Pornos als Vorbilder hatten?

– Theophrastus, 25

Keine Sorge, die Menschen im Mittelalter waren auch ohne Pornos einfallsreich genug. Das wissen wir ziemlich genau, denn seit dem Frühmittelalter stellten christliche Kleriker so genannte Bußbücher zusammen: Das waren Handbücher für Landpfarrer, in denen die häufigsten Sünden verzeichnet waren – sowie die passende Buße, die der arme Sünder dafür tun musste. Und diese Bußbücher haben hauptsächlich ein Thema: Sex. Zu den aufgeführten Sünden zählten Zungenküsse, Selbstbefriedigung, der Gebrauch von Aphrodisiaka, Petting, Geschlechtsverkehr a tergo (heute bevorzugt als “Doggy-Style” bezeichnet), Oralverkehr, Analverkehr, das Schlucken von Sperma – also das volle Porno-Programm. Und diese Sünden müssen relativ häufig begangen worden sein – sonst hätten sie nicht Eingang in die Bußbücher gefunden.

Mit drei Vaterunser war es für den Sünder aber nicht getan. Hast du mit deiner Frau kopuliert, wie es die Hunde tun? Zehn Tage Buße bei Brot und Wasser für euch beide. Hast du den Samen deines Mannes getrunken in der Hoffnung, dass er dich durch deinen diabolischen Akt mehr liebt? Sieben Jahre Brot und Wasser an einem festgelegten Wochentag. Hattest du gar Analverkehr? Jackpot – zehn Jahre Fasten. Aber viele Bischöfe waren gegen den Einsatz von Bußbüchern – auf dem Konzil zu Paris im Jahr 829 wurde sogar verfügt, sie zu verbrennen. Und spätestens im 13. Jahrhundert verschwanden sie endgültig. Der Grund: War jemand länger nicht bei der Beichte, pflegte der Pfarrer ihm einfach alle Sünden aus dem Bußbuch vorzulesen wie bei einem Fragebogen. Praktische Sache, wenn man ein paar Anregungen braucht!

 

Ich habe mal gehört, dass Niesen so etwas wie ein Orgasmus zweiten Grades ist. Stimmt das?

– Lisa, 26

Achtmal Niesen = ein Orgasmus. Manchmal sind es auch nur sechs oder sieben, aber eine derartige Rechnung kursiert spätestens seit den Neunzigern auf den Pausenhöfen dieser Welt. Die Ähnlichkeiten sind ja auch frappierend: Erst baut sich ein wohliges Gefühl der Spannung auf, das sich in einem plötzlichen Schauer, der durch den ganzen Körper geht, entlädt. Nicht zu vergessen das Bedürfnis, sich danach eine klebrige Substanz von den Händen zu waschen … aber nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Hätte Niesen wirklich etwas mit dem großen O zu tun, wären Allergiker die glücklichsten Menschen der Welt – aber durchs Heu zu rollen ist für jemanden mit Heuschnupfen alles andere als befriedigend. Es handelt sich also leider um einen Mythos, und der geht wahrscheinlich zurück auf die Fehlinterpretation eines Zitates der amerikanischen Sexualtherapeutin Ruth Westheimer: „Ein Orgasmus ist genau wie ein Nieser.“ Damit hat sie aber nur gemeint, dass beides unwillkürliche Reflexe sind – so wie der Lidschlussreflex oder der Brechreiz beim Hören eines HC-Strache-Raps.

Ganz unverwandt sind Sex und Niesen aber auch nicht – jedenfalls wenn man zum erlesenen Kreis der Nies-Fetischisten zählt. Ganz recht, es gibt Frauen und Männer, die es erregt, anderen beim Niesen zuzusehen. Jetzt müssen nur noch Allergiker und Leute mit Nies-Fetisch zusammen finden, und es wird doch was mit dem großen Glück.

 

Frauen wollen Zärtlichkeit und viel Gekuschel, bevor sie für Sex bereit sind. Zumindest lese ich das immer wieder in der Bravo. Ich will aber gleich rangenommen werden, ohne Vorspiel. Bin ich abnormal?

– Sabine, 22

Wenn du damit das meinst, was Mann tun sollte, damit Frau feucht wird, dann liegt darin der Keim deiner Verwirrung, liebe Sabine. Ein “gutes Vorspiel” impliziert, dass der Mann einfühlsam und aufgeschlossen seiner Partnerin gegenüber ist und nicht gleich loshämmert. Im Grunde ist das Konzept vom Vorspiel aber Blödsinn. Die Idee impliziert, dass die Frau aufgewärmt werden muss wie ein alter Ford, den man an einem kalten Tag nicht in die Garage gestellt hat. Dabei wird vergessen, dass Frauen genauso wie Männer mal schnell, mal langsam auf Touren kommen können.

Dass das “Warmlaufen” eine weibliche Domäne ist und ein guter Liebhaber eben diesem Bedürfnis entgegenzukommen hat, ist eine schlechte Erfindung von Sexratgebern. Warum ist aber der Mythos entstanden, ein so genanntes Vorspiel sei für die Frau wichtig, ja manchmal sogar das Schönste am Sex? Weil es sich in unserer Gesellschaft als Frau nicht gehört, einen Quickie einfach geil zu finden. Weil Streicheleinheiten und Zärtlichkeit nach wie vor weiblich konnotiert sind, während das “Aufreißen” der männlichen Sphäre zugerechnet wird. Spätestens seit “Feuchtgebiete” ist es kein Geheimnis mehr, dass das auch umgekehrt der Fall sein kann. Aber ist es das je gewesen?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *


*