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Eine neue Perspektive finden

Es ist der Abend vor Silvester, als bei den Wiener Frauenhäusern das Telefon läutet. Am anderen Ende ist eine junge Frau, die um Hilfe bittet. Ihre Freundin Marija* brauche dringend einen Ort, an dem sie vor ihrem Mann sicher ist, sagt sie. Als die Freundin mit der Sozialarbeiterin spricht, klopft Marijas Herz laut. Der Anruf ist für sie ein Sprung ins kalte Wasser. Die 29-Jährige weiß nicht was jetzt kommt. Wird man ihr helfen? Wird man ihr glauben?  Text: Teresa Reiter Fotos: Christoph Liebentritt

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Marija ist eine von hunderten Frauen, die jedes Jahr Schutz in den Wiener Frauenhäusern suchen. Sie kommen Tag und Nacht, manchmal mit hastig zusammengepackten Sachen, einige tragen Kinder im Arm. Die Bandbreite ihrer schlechten Erfahrungen mit Männern ist groß. Sie wurden verprügelt, vergewaltigt oder sie wurden Opfer von psychischer Gewalt. Geschäftsführerin Andrea Brem erklärt, dass sich die Gewalt, denen ihre Klientinnen ausgesetzt waren, verändert. Immer öfter kämen nun Frauen, die von ihren Männern mit Psychoterror verfolgt werden. Pathologische Eifersucht, Verfolgung und Drohungen stünden mittlerweile für viele Frauen auf der Tagesordnung. “Es ist uns ein Anliegen, ein Bewusstsein für diese Art der Gewalt zu schaffen”, sagt Andrea Brem. Viele Menschen tendierten nämlich dazu, psychische Gewalt zu verharmlosen. Viele Opfer würden deshalb den Fehler bei sich selbst suchen.

Ähnlich erging es auch Marija. Sie stammt aus einem kleinen osteuropäischen Land und eigentlich begann ihr Leben in Österreich gar nicht so schlecht. Sie fand bald eine gute Stelle im Pflegebereich und lernte ihren Mann Petar* kennen. Auch er ist Osteuropäer und sucht in Österreich Arbeit auf der Baustelle. Sie heiraten jung und ziehen zusammen in eine kleine Wohnung. Am Anfang ist alles in Ordnung, Petar gibt sich Mühe und lernt sogar Marijas Muttersprache.

Geborgtes Geld

Doch mit den Jahren verändert sich Petar. Er hört auf zu arbeiten, ist oft aggressiv, wenn er nach Hause kommt. Er nimmt Marija die Kontokarte ab. Das Geld, das sie verdient, gehört jetzt ihm. Schon bald reicht ihm ihr Gehalt nicht mehr. Er möchte in Osteuropa Häuser für seine Familie bauen. Dafür soll Marija bezahlen. Wenn sie nicht genug nach Hause bringt, wird Petar wütend. Er zerschlägt die Möbel in der gemeinsamen Wohnung, beschimpft Marija und beginnt schließlich sie zu schlagen. Für die junge Frau wiederholt sich der Alptraum von da an beinahe täglich. Manchmal entschuldigt sich Petar, beteuert, er werde sich ändern, doch nach ein paar Tagen ist alles beim Alten. Er macht Marija für alles verantwortlich, dass sie zu wenig Geld haben, dass er sie schlägt. Immer wieder sagt er ihr, sie sei selbst schuld, bis sie ihm schließlich glaubt.

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Marija schämt sich. Die blauen Flecken an Armen und Beinen versteckt sie mit langer Kleidung. Sie verheimlicht ihr Leid vor ihren wenigen Freundinnen und auch vor ihrer Familie. Um kurzfristig Ruhe zu haben, borgt sie sich Geld, doch auch das ist schnell weg, und als Petar auf diese Möglichkeit aufmerksam wird, drängt er sie, mehr und mehr zu borgen. Er schlägt sie nun auch ins Gesicht, zerbricht Marijas Brille. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Sie weiß, sie muss etwas tun, um sich selbst zu retten. Als Petar über die Weihnachtsfeiertage zu seiner Familie fährt, vertraut Marija sich widerwillig einer Freundin an. Diese wählt für sie 05 77 22 – die Notrufnummer der Wiener Frauenhäuser, einer Einrichtung der Stadt Wien.

Auf der Donauinsel

Szenewechsel. Julian* ist auch einer von denen, die am Rande des Abgrunds balanciert haben, wenn auch auf ganz andere Weise als Marija. Betont gelassen lehnt er sich in den tiefen Sessel im Büro von Barbara, seiner Bewährungshelferin bei “Neustart”. “In der Schule war ich ein Gfrastsackl”, sagt er. Sein Dialekt ist niederösterreichisch eingefärbt, die Intelligenz, aber auch der Trotz stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Er hat ein gewinnendes Lachen, fährt sich oft durch die Haare. Seine Frisur, sei “ein Zustand”, sagt er ein paar Mal. Man möchte glauben, dass er älter ist, wenn man ihn erzählen hört, das Gewicht der Lebenserfahrung schwingt schwer in seinem Ton mit. “Meine Mutter war nie zu Hause, die war immer arbeiten, hatte mit Männern Probleme und mit Geld. Ich war auch kein leichtes Kind.”

Als er vierzehn Jahre alt ist, ruft seine Mutter im Krisenzentrum an und kündigt die Ankunft ihres Sohnes an. Sie wirft ihn raus. Schon lange davor gab es täglich Streit zwischen den beiden, sagt Julian. Täglich habe die Schule zu Hause angerufen, weil Julian in der Schule betrunken oder überhaupt nicht dort gewesen sei. “Eines Tages bin ich nach Hause gekommen, und wieder ging der Streit los. Plötzlich hat sie gesagt, wir gehen zum Jugendamt, und dass ich ausziehen soll.”

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Am Anfang war es im Krisenzentrum nicht so schlecht, immerhin gab es dort andere Jugendliche. Julian bleibt etwa fünf Wochen dort. Ein Versuch, eine betreute Wohngemeinschaft für ihn zu finden, scheitert. Auch im Krisenzentrum ist er immer seltener anwesend. Stattdessen ist er auf der Donauinsel und betrinkt sich.

Schließlich wohnt er eineinhalb Jahre auf der Donauinsel, egal ob Sommer oder Winter. Auf die Frage, ob es dort nicht kalt gewesen sei, legt sich ein Schatten über sein Gesicht. Natürlich sei es kalt gewesen sagt er, und wie. Sein Besitz beschränkte sich damals auf eine Tasche, in der zwei Decken und ein kleiner Polster waren und ein bisschen dreckiges Gewand. Sonst besaß er nichts. Er schnorrt auf der Straße. Kauft sich um 80 Cent ein Sackerl Billigsemmeln und steckt im Supermarkt schon einmal etwas ein, wenn ihn keiner beobachtet.

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Das Leben auf der Straße tut ihm nicht gut. Er betrinkt sich den ganzen Tag mit anderen Obdachlosen und wartet darauf, dass die Zeit vergeht. “In dem Alter hast du einfach keine Perspektiven”, sagt Julian. “Es lebt dir keiner vor, wie du es richtig machen sollst, meine Eltern haben heute noch keinen Plan vom Leben.” Julian wird nachts oft von der Polizei aufgegriffen. Laut den Akten hat das Jugendamt die Obsorge, doch dort dementiert man das. Julian fällt durch ein Loch im System, plötzlich ist überhaupt niemand mehr für ihn zuständig. Es ist, als würde er nicht existieren.

Ein Freund bietet ihm eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Ort etwas außerhalb Wiens an. Klingt gut, denkt sich Julian. Doch schon im Zug dorthin betrinken sich die beiden haltlos. Sturzbetrunken kommen sie an und stehlen ein paar Fahrräder, mit denen sie durch die Gegend fahren. Sie brechen in Weinkeller ein, zünden eine Holztüre an und erzeugen in einer Kellergasse einen Sachschaden von etwa fünfzigtausend Euro.

Erinnerung an das Leben

Fünfzigtausend ist eine Zahl, die auch Gottfried gut kennt, ein weiterer von denen, die sich ganz an den Rändern der Gesellschaft bewegt haben. Fünfzigtausend: So hoch und noch höher waren nämlich seine Schulden, als er die neunjährige Beziehung mit seiner drogensüchtigen Freundin beendete. Der gebürtige Burgenländer hat alles verloren, zwei Wohnungen, zwei Autos, den Kontakt zu seiner Familie und auch seinen Job als Lagerarbeiter bei der ÖBB. Letzteren deshalb, weil er Sachen, “die man leicht verkaufen konnte”, eingesteckt hat. Er kassiert Vorstrafen für Diebstahl und Körperverletzung, rutscht immer weiter ab. Genau wie Julian wohnt er auf der Donauinsel. Er findet bald einen Job als Schausteller beim Riesenrad. Er betätigt die Attraktionen dort, verkauft Coupons und Eis und verlegt auch schon einmal Fliesen oder mäht den Rasen im Böhmischen Prater. Zum Duschen und Wäschewaschen geht er in ein Betreuungszentrum der Caritas, in die Gruft.

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Als er sich im Herbst 2007 stark verkühlt, zieht er ganz dorthin. Wenn er Zeit hat, spielt er Fußball mit den Leuten von der Gruft, am liebsten im defensiven Mittelfeld. In seiner Jugend hat er immerhin lange bei einem Verein gekickt. Doch unter den Fußballern gab es zu viele Trinker, Gottfried kann nicht zusehen, wie sie ihr Leben vergeuden. Er zieht weiter, von einer Unterkunft zur anderen. Doch die Wohnsituation dort macht ihm zu schaffen. In Mehrbettzimmern mit Drogensüchtigen und Alkoholikern hält er es nicht aus. Gottfried selbst trinkt nichts und auch mit Drogen hat er nichts am Hut. Er weiß, etwas muss sich ändern.

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08

Wenn Marija von ihrer Sozialarbeiterin im Frauenhaus spricht, schwillt ihre Stimme vor Dankbarkeit an. “Ich bin dort hingekommen und man gab mir sofort ein Zimmer”, sagt Marija, als könnte sie es immer noch nicht glauben. Solange ihr Mann Petar im Ausland war, hatte sie Zeit für den Umzug. Im Frauenhaus hatte man ihr zum sofortigen Auszug geraten, denn sobald Petar zurück sei, gäbe es keine Möglichkeit mehr, dass Marija dort heil hinauskommt. Auf die Frage, was sie aus der Wohnung mitgenommen habe, sagt sie: “Alles.”
Ein paar Wochen später beginnt Marija sich an das Leben zu erinnern. Jemand spendet Zirkuskarten an das Frauenhaus, und Marija und ein paar andere Frauen und Kinder dürfen gratis in den “Cirque du Soleil” gehen. “Das war so toll”, sagt sie heute mit glänzenden Augen. Es hat ihr geholfen, für einen Moment ihre Misere zu vergessen und sich daran zu erinnern, dass nicht alles im Leben schlecht ist.

Die Sozialarbeiterinnen halfen Marija, Schritt für Schritt wieder auf die Beine zu kommen. Niemand drängte sie, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Das wollte sie selbst so, sagt Marija. Doch sie betont, dass sie es alleine nicht geschafft hätte. Die amtlichen Termine, die vielen Papiere und dann noch das Problem mit ihren Schulden, die junge Frau war überfordert. Auch Petar gibt keine Ruhe. Er ruft ständig bei Marija an, droht ihr damit, sie umzubringen oder ihr Säure ins Gesicht zu schütten. Er will nicht akzeptieren, dass sie ihn verlassen hat und befiehlt ihr zurückzukommen. Als Petar ihr und der Sozialarbeiterin einmal bis in die U-Bahn nachläuft und ihr droht, ist sie froh, nicht allein zu sein. “Ich hatte Angst, aber die Sozialarbeiterin hat sich zwischen uns gestellt und ihm mit der Polizei gedroht.” Immer wieder sagt Marija, wie froh sie darüber sei, nicht alleine gewesen zu sein. Als sie gemeinsam mit der Sozialarbeiterin eine neue Wohnung für sich findet, kommt der nächste Schock: Petar arbeitet gleich neben der neuen Wohnung auf einer Baustelle. Marija ist verzweifelt. Sie hat das Gefühl, nirgends hinzukönnen, dass er überall ist. Doch auch diesmal lässt das Frauenhaus sie nicht im Stich. Man werde etwas Neues finden, heißt es. Und bis dahin könne Marija selbstverständlich bleiben.

Als Julian fünfzehn ist, wird nach einer gerichtlichen Verurteilung Bewährungshilfe angeordnet und Julian hat seinen ersten Auftritt bei “Neustart”. Bewährungshelferin Barbara erinnert sich an die ersten Begegnungen. In Springerstiefeln und mit ausgewaschenen bunt gefärbten Haaren, das Gesicht voller Piercings stand Julian da und wusste nicht, wie es weitergehen soll oder wo er wohnen soll. Durch einen glücklichen Zufall läuft er eines Tages seinem Großvater über den Weg, zu dem er lange keinen Kontakt mehr gehabt hat. “Meine Mutter hat mir immer eingeredet, dass er und alle anderen in der Familie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.

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Ich hab ihr geglaubt”, sagt Julian bitter. Tatsächlich hat sich der Großvater jedoch schon länger große Sorgen um seinen Enkel gemacht. Er nimmt ihn sofort bei sich auf. Doch Julians Vergangenheit holt ihn ein. Die Polizei erwischt den Jungen, mit dem Julian damals die Weinkeller zertrümmert hat. Dieser erzählt aus unerfindlichen Gründen, Julian sei ein Drogendealer. Daraufhin tritt die Wega, eine Sondereinheit der österreichischen Polizei, die Wohnungstüre seines Großvaters ein. Doch sie finden keine Drogen. “Ich bin ja kein schlechter Mensch”, beteuert Julian. Er ist zerfressen von Schuldgefühlen, weil er den Opa enttäuscht hat. Dieser, so sagt er rückblickend, habe die ganze Sache mit der Wega aber “vergleichsweise gelassen” hingenommen.

Doch diesmal ist es ernst. Julian muss die Konsequenzen für sein Handeln tragen. Ein Prozesstermin wird angesetzt, doch dieser ist Monate entfernt. Die Bewährungshelferin drängt Julian dazu, gemeinsam eine Lehrstelle für ihn zu finden. “Ich habe das noch nie vorher gemacht, aber ich habe einen Bekannten angerufen und ihn gefragt, ob der Julian bei ihm ein Praktikum machen könnte”, sagt Barbara. So wird Julian plötzlich Gärtner. Sein Chef, der in seiner Jugend ebenfalls ein paar schlimme Dinge angestellt hat, nimmt ihn zur Seite und sagt: “Ich will gar nicht wissen, was du gemacht hast. Aber während du hier arbeitest, darf nichts passieren.” Und Julian hält sich daran. Zum ersten Mal hat er wieder eine Perspektive. Die Arbeit gefällt ihm und er beginnt im Herbst eine Lehre.

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Als der Prozesstermin da ist, argumentieren Sozialarbeiter und Julian selbst glaubhaft, dass er sich geändert habe. Die Rechtsverstöße seien immerhin alle “davor” gewesen, als Julian noch auf der Straße gelebt hat. Es klappt, Julian muss nicht ins Gefängnis. Auch die Lehre zieht er durch. Einmal wechselt er noch in einen anderen Betrieb, wo er im Herbst seine Lehrabschlussprüfung ablegen wird. Durch den theoretischen Part ist er leider beim ersten Versuch durchgefallen. “Ich kenn mich super mit Zierpflanzen aus, aber was mach ich? Ich muss mir natürlich Gehölze als Fachthema aussuchen.” Nächstes Mal würde es aber sicher klappen. Auch mit der Fahrschule ist er bald fertig.

Information

Verein Wiener Frauenhäuser
Amerlingstraße 1
1060 Wien
verein@frauenhaeuser-wien.at
T: 01 / 485 30 30
Notruf: 05 77 22

Verein Neustart
Zentrale: Castelligasse 17
1050 Wien
info@neustart.at
T: 01 / 545 95 60

neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen
Margaretenstraße 166
1050 Wien
verein@neunerhaus.at
T: 01 / 990 09 09 900

Der Beitrag erschien ursprünglich im September im Wiener Journal/Wiener Zeitung. | Fotos: Christoph Liebentritt

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