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Der Revolutionsminister

Lubomir Zaoralek ist seit Jänner 2014 Außenminister der Tschechischen Republik. Seine ersten Schritte in der Politik machte er jedoch während der Samtenen Revolution, die der vormals kommunistischen Tschechoslowakei den politischen Systemwechsel zur Demokratie bescherte. Durch überwiegend friedliche Proteste bezwangen Studenten, Künstler und Gewerkschafter das kommunistische Regime und der Schriftsteller und Bürgerrechtler Vaclav Havel wurde neuer Regierungsschef. Zaoralek erinnert sich an die Anfänge der Revolution und seine Rolle im Občanské fórum (dt. Bürgerforum), das sich später zu einer politischen Partei weiterenwickelte. Interview: Teresa Reiter Fotos: Christoph Liebentritt

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Wo waren Sie am 17. November 1989?

Lubomir Zaoralek: Ich war zu jener Zeit in Ostrava. Es hat einen Augenblick gedauert, bis die Nachricht davon, was in Prag los war zu mir gelangt ist und dann noch eine Weile, bis ich es geglaubt habe. Ich hatte damals fast keine Arbeit mehr, denn ich bin aufgrund von politischen Problemen in Schwierigkeit geraten. Mein Name war damals in einer Sendung aufgetaucht, ich weiß nicht mehr ob es Free Europe war oder Voice of America und danach hieß es ich sei ein Geschwür in der Gesellschaft und hätte in meiner Firma nichts mehr zu suchen. Mir ging es also damals nicht gerade gut.

Was genau hatten Sie denn getan?

Zu dieser Zeit haben wir für ausgewählte Personenkreise an speziellen Orte Vorlesungen über Capek, Massaryk oder Kafka organisiert. Am Montag den 17. November 1989 war ein Vortrag zum Thema Zen-Buddhismus geplant gewesen. Unter den Teilnehmer waren auch Leute, die sich aktiv in der Polnisch-Tschechoslowakischen-Solidarität (Gewerkschaft, die wesentlich an der Wende mitwirkte, Anm.) organisiert haben und auch Mitglieder der Charta 77. Ich dachte eigentlich, dass ich da hingekommen wäre, um das Programm für den Abend vorzubereiten, aber dann habe ich mitbekommen, dass dieser Zen-Buddhismus überhaupt nicht mehr aktuell war und dass eigentlich alle Leute mit etwas ganz anderem beschäftigt waren.

Wie wurde aus diesen spontanen Studentenprotesten gegen das kommunistische System dann eine organisierte Bewegung?

Als wir von den Protesten in Prag hörten, sahen wir uns gezwungen eine Art Erklärung herauszugeben. Wir haben einen Text „Für den neuen Bürger“ aufgesetzt, daran kann ich mich bis heute noch erinnern. Den haben wir dann kopiert und ihn in der ganzen Stadt ausgetragen. In Ostrava fanden auf dem Platz, der heute Masaryk-Platz heißt, große Kundgebungen statt und aus diesen kleinen Grüppchen, die sich am Anfang auf diesem Platz getroffen haben ist dann im Laufe einiger weniger Wochen die eine Zelle des Občanské fórum, des Bürgerforums geworden. Ich wurde einer der Sprecher des Bürgerforums in Ostrava.

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Haben Sie damals daran geglaubt, dass die Revolution erfolgreich sein würde?

Überhaupt nicht. Wir haben uns eher vorgestellt, dass das alles ganz schnell wieder vorbei sein würde. Gleichzeitig fanden nämlich über einige Tage und Wochen hinweg noch große Treffen der sogenannten Volksmilizen (paramilitärische Kampfeinheiten der kommunistischen Partei, Anm.) statt. Wir haben das mit Besorgnis beobachtet und fürchteten, dass deren Zusammenrottung größer werden könnte als unsere. Es mag vielleicht heute lächerlich klingen, aber wir haben wirklich gedacht, dass dieses System unbezwingbar ist und dass es wirklich ausgerüstet ist, mit solchen Bürgerprotesten zurecht zu kommen. Wir waren auch weit weg von Prag, dem Zentrum der Proteste und ich erinnere mich, dass ich unseren „Text für den neuen Bürger“ mit einem Boten an Vaclav Havel schicken ließ, um ihm zu berichten, wie wir in Ostrava über die Proteste nachdenken und wie wir die Situation deuten.

Wir sehr hing die Revolution von der Person Vaclav Havel ab?

Vaclav Havel war ganz sicher eine Schlüsselfigur von großer Bedeutung, aber in Ostrava war die Situation etwas anders. Dort war Vaclav Havel sehr weit weg und allein der Name Vaclav Havel und auch Charta 77 (antikommunistische Bürgerbewegung, Anm.) waren etwas, das eigentlich schon regimefeindlich war. Das ging den demonstrierenden Studenten mitunter schon zu weit. Wir aber hatten Debatten bei uns an der Schule und haben dort darüber diskutiert, dass das Land grundlegende Veränderungen braucht und nicht nur irgendwelche kosmetischen Umgestaltungen. Für uns war die Charta 77 auch keine Verbrecherorganisation.

Es wird immer wieder betont, dass es sich bei dieser Revolution um eine friedliche, eine samtene Revolution gehandelt hat. Die Polizei ist jedoch damals gewaltsam gegen die Demonstranten vorgegangen…

Die Polizei hat hauptsächlich in Prag eingegriffen, in Ostrava gab es keine direkten polizeilichen Übergriffe, aber wir haben in den ersten Tagen bemerkt, dass wir unter ständiger Beobachtung standen. Die tschechische Staatssicherheit war allgegenwärtig und wir haben festgestellt, dass wirklich überall einer ist und uns beobachtet. Es gab sogar einige Personen, die von der Staatssicherheit zu uns übergelaufen sind. Aber ich glaube schon, dass dieser große polizeiliche Übergriff auf der Narodni Straße eine geplante Aktion der Staatspolizei und auch der Politiker war, die versuchten auf diese Art und Weise, diese grundlegende Veränderung zu unterbinden. Die haben auch geglaubt, dass das wirken wird. Dann ist aber die ganze Situation außer Kontrolle geraten und es drohte ein Chaos auszubrechen. Um das wieder in den Griff zu bekommen, brauchte man eine Führungspersönlichkeit und das war dann die Rolle, die Vaclav Havel übernommen hat. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte es den Anschein haben können, dass diese Revolution nur der Austausch der einen kommunistischen Garnitur durch eine neue kommunistische Garnitur ist.

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Wie wurden Sie schließlich zum Politiker?

Der Sprecher der Charta 77 hat mir damals erklärt, dass wir Abgeordnete in unserer föderalen Versammlung brauchen und er hat mich gefragt ob ich da hingehen möchte und das machen würde. Anfangs habe ich nur die Augen aufgerissen und wusste nicht, was er von mir will. Und so bin ich dann im Januar in die föderale Versammlung eingezogen. Dort war ich nur ein halbes Jahr, denn im Juli war die Legislaturperiode zu Ende und ich war ja eigentlich kein ordentlich gewählter Abgeordneter sondern eigentlich ein Revolutionärer, der aufgrund seiner Teilnahme an der Revolution eingesetzt wurde. Eigentlich kurios.

Wir sehen heute viele Revolutionen, die daran scheitern, dass die Aufbegehrenden über ihre Unzufriedenheit mit der Regierung hinaus nicht viel gemeinsam haben. Denken Sie dabei nur an den Arabischen Frühling. Gab es in der Tschechoslowakei wirklich diese „Einigkeit der Unterdrückten“, von der so oft gesprochen wird?

Die tschechische Bevölkerung ist zuallererst einmal weitaus homogener, als sie es etwa in den arabischen Ländern ist. Daher war es auch immer einfacher einen gesellschaftlichen oder politischen Konsens zu finden. Wenn in den arabischen Staaten einmal die große Autorität wegfällt, kommen auf einmal Stammes- und Klangeschichten hoch, die eigentlich nur mit Rache zu tun haben. Vaclav Havel aber war nicht voller Hass. Er hat auf seiner Rede auf dem Wenzelsplatz zum Beispiel auch die Kommunisten aufgerufen ihr Parteibuch wegzulegen und beim Neuanfang mitzumachen. Er hat ihnen diese Chance gegeben, denn er war nicht auf Rache aus. Da hat er sich eigentlich an ein zehntel der gesamten Bevölkerung gewandt, die in der kommunistischen Partei waren. Er hat ihnen gesagt, wir wollen keinen Krieg mit den Kommunisten anzetteln, sondern wir wollen gemeinsam einen Neuanfang gestalten. Das hat man Havel später sogar vorgehalten. Man hat ihm gesagt warum hast du die Kommunisten nicht bestraft. Als ich in Ostrava in meinem Büro saß fragten die Leute: Warum fasst ihr die Kommunisten mit den Samthandschuhen an? Ihr müsst die aufhängen!

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Wieso ist die Wende dennoch gelungen?

Es gab in der tschechischen Gesellschaft eine breite Schicht, die sich das schon vorstellen konnte und bereit war ein neues Abkommen zu treffen und eine bessere Gesellschaft zu gestalten als es die vorhergehende gewesen war. Sie haben sich gesagt: Jetzt sind wir frei. Das ist etwas Neues, etwas ganz Anderes. Ich erinnere mich noch daran, dass ich eine Studentin getroffen habe, die mir die tschechische Fahne übergeben hat, so ein kleines Bändchen in den drei Nationalfarben. Sie hat gesagt: „Stecken Sie sich das ruhig an. Sie müssen sich nicht mehr dafür schämen.“ Es gab diese riesige Begeisterung. Die Begeisterung war weitaus größer als der Hass. Es gab ein gewisses Selbstvertrauen, dass wenn wir frei sind, freie Wahlen haben, wir nur fähige Leute wählen werden, die in riesengroßen Schritten das Land voranbringen werden. Wir wussten noch nicht, welche Probleme und Hürden uns noch begegnen werden.

Warum hat es damals keine Einmischung von der Sowjetunion gegeben?

Weil Michail Gorbatschow an der Macht war. Wir haben uns oft gesagt, dass wir ihm viel zu verdanken haben. Durch Wendungen des Schicksals ist der irgendwie auf dem Sowjetthron gelandet. Von seinem Gedankengut her war er doch ein Humanist, er hat an gewisse Werte geglaubt. Und wenn es ihm politisch dann auch nicht gelungen ist, den Zusammenbruch der Sowjetunion zu unterbinden, was man ihm dann auch sehr vorgeworfen hat, so kann man auch heute sich nicht vorstellen, dass er einmal raten würde, in den Krieg zu ziehen. In der Tschechoslowakei habe ich auch oft die Meinung gehört, dass wir ein ganz anderes System gebraucht hätten, dass wir so einen brauchen wie Alexander Dubcek (Leitfigur des Prager Frühlings, Anm.) und dass einer wie Dubcek Oberhaupt der Sowjetunion werden soll. Gorbatschow war eigentlich der Dubcek in der Sowjetunion, der dem Kommunismus dort ein menschliches Antlitz verleihen wollte. Das hat uns die Chance gegeben uns zu befreien.

Man sagt ja die Atmosphäre der Revolution sei von Selbstlosigkeit und Solidarität geprägt gewesen. Als Vaclav Havel 2011 starb, versprachen viele Menschen an seinem Grab, ihn nicht zu enttäuschen und sein Erbe zu bewahren. Ist das nun mit den Korruptionsskandalen innerhalb der Regierung in den letzten Jahr doch passiert?

Revolutionen rufen immer große Erwartungen hervor. Ich habe auch schon damals Artikel geschrieben, die Warnungen vor zu großen Erwartungen enthielten. Das Land war ja auch wirtschaftlich sehr rückständig, 1968 gab es eine große Emmigration. Ich habe eigentlich erwartet, dass es nicht so einfach wird und dass es nicht genügen wird einfach nur die besten aus der Mitte auszuwählen und dann wird es schon laufen. Es war eigentlich niemand so richtig darauf vorbereitet, wie man denn nun die Transformation durchführt, wie man genau den Sozialstaat aufbaut. Eigentlich gab es überhaupt keine richtigen Konzepte dafür. Daher kam dann eben auch die Unterschätzung und Vernachlässigung des Rechts. Gerade so eine wirtschaftliche Transformation ist keine Sache, die man im Reagenzglas einfach so ausprobieren kann. Das muss man wirklich direkt vorort durchleben. Und dann ist es leider auch passiert, dass nicht so sorgfältig und schonend mit den Vermögenswerten umgegangen wurde, mit dem, was eigentlich das Rückgrat des Staates dargestellt hat. Heute wissen wir schon, dass wir hätten andere Methoden wählen sollen, aber leider ist es dazu gekommen.

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Sind die Tschechen enttäuscht von ihrer Regierung?

Es hat sich ein Gefühl bei den Menschen breitgemacht, dass das neue System im Umgang mit den Menschen auch nicht besser ist, als das alte. Dass es verschwenderisch ist. Die riesengroßen Erwartungen schrumpften zusammen auf ganz kleine. Was passiert ist, ist passiert und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Ich möchte nicht sagen, dass das ein verlorener Weg war, aber es war ein komplizierter, steiniger und dorniger Weg und die Tschechische Republik ist dennoch ein Land voller Chancen. Es ist ähnlich wie mit einem Sohn oder einer Tochter. Wenn Kinder eine schwierige Periode durchmachen dann wachsen sie noch an dieser. Ebenso ist es auch zu lernen, in einer freien Gesellschaft zu leben.

 

Der Beitrag kam durch die Bemühungen der Wiener Zeitung und der Botschaft der Tschechischen Republik in Österreich zustande. | Fotos: Christoph Liebentritt

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